Warum wurde der berühmte Kriegsmaler Wassili Wereschtschagin von seinem Heimatland gemieden?

Tretjakow-Galerie Die Apotheose des Krieges, 1871, Wassili Wereschtschagin
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Nachdem er sich im Epizentrum militärischer Feldzüge in Asien wiedergefunden hatte, erlebte der Maler Wassili Wereschtschagin alle Härten des Krieges. Seine Erinnerungen bildeten die Grundlage für die berühmte „Turkestan-Serie“, die in seiner Heimat einen Sturm der Kritik auslöste.

Berge von Schädeln, der triumphierende Feind, abgetrennte Köpfe russischer Soldaten – Krieg und seine Folgen, dokumentiert in den Gemälden und Zeichnungen der „Turkestan-Serie“ von Wassili Wereschtschagin, schockierten seine Zeitgenossen. Und die Schrecken, die aus seinen Bildern strömen, verstören die Betrachter noch heute. Woher und wie nahm der Maler die Geschichten seiner Gemälde?

Vom Militär zum Maler und zurück

Wassili Wereschtschagin wurde 1842 in eine Familie geboren, die einem der russischen Adelsgeschlechter angehörte; für seine Eltern war eine militärische Karriere der beste Weg für ihren Sohn. Schon früh entdeckte er seine Liebe zum Zeichnen, doch ihn auf die Kunstakademie zu schicken, kam nicht in Frage. „Das wäre eine Schande“, sagte seine Familie, wie sich der Maler selbst erinnerte.

Gemeinfrei W. Wereschtschagin
Gemeinfrei

Nach seinem Abschluss beim Marinekadettenkorps in St. Petersburg ging der entschlossene und eigensinnige junge Mann dennoch selbst an die Kunstakademie. Er verließ sie nach nur drei Jahren und ging nach Paris, um Malerei zu studieren, wo der berühmte Orientalist Jean-Léon Gérôme sein Lehrer wurde. Nach Abschluss seines Studiums kehrte er in seine Heimat zurück, wo man ihn mit einem Angebot willkommen hieß…

Einladung des Generalgouverneurs

Konstantin Petrowitsch von Kaufmann, der erste Generalgouverneur von Turkestan, lud den damals 25-jährigen Wereschtschagin als Hofmaler auf eine Reise in sein Herrschaftsgebiet ein. Wie Wereschtschagin später schrieb, reiste er dorthin, um das wahre Gesicht und die Realität des Krieges kennenzulernen. „Ich stellte mir vor … dass Krieg eine Art Parade sei, mit Musik und wehenden Fahnen. Mit Bannern und Kanonendonner, mit galoppierenden Pferden, mit viel Pomp und wenig Gefahr: Natürlich würden ein paar Sterbende das Bild abrunden …“ Doch was er in Turkestan erlebte, veränderte seine Wahrnehmung und seine Einstellung zum Krieg für immer.

Tretjakow-Galerie An der Festungsmauer: „Lass sie rein" W. W. Wereschtschagin
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Tretjakow-Galerie Türen von Timur (Tamerlane)
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Nach seiner Ankunft in Turkestan studierte der Maler den Alltag und die Sitten der einheimischen Bevölkerung; er malte Landschaften, Porträts und Genreszenen. Nachdem Samarkand von russischen Truppen erobert worden war, ging er als Mitglied einer kleinen Garnison dorthin. Infolge einer überraschenden Belagerung der Festung durch den Feind und eines Aufstands der Einheimischen war er gezwungen, den Pinsel gegen eine Waffe zu tauschen – dies war seine erste Feuertaufe. Für die Verteidigung der Festung erhielt er einen Orden; später nahm er auf dieser Reise und auf seiner anschließenden Reise nach Turkestan an weiteren Kämpfen teil. Im Verlauf von drei Jahren militärischer Feldzüge und Reisen durch Asien fertigte der Maler mehrere hundert Skizzen an.
Sie alle bildeten die Grundlage für die große „Turkestan-Serie“, die Wereschtschagin nach seinem Umzug nach München im Jahr 1871 begann. Mehr als drei Jahre lang widmete er sich diesem Werk und stellte den Krieg ungeschönt dar. So beschrieb er seine Erfahrungen während der Arbeit an der Serie: „Ich nehme das, was ich male, zu sehr zu Herzen; ich schreie (buchstäblich) über das Leid jedes Verwundeten und Getöteten.“

Tretjakow-Galerie Die Apotheose des Krieges, 1871, Wassili Wereschtschagin
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In Europa lobte man den Mut des Meistermalers, doch in seiner Heimat wurde er verurteilt.

Die Ausstellungen der Serie

Die „Turkestan-Serie“ umfasst 13 Gemälde, 81 Studien und 133 Zeichnungen. Zusammen wurden sie 1873 erstmals in London ausgestellt und erhielten dort sowohl vom Publikum als auch von Kritikern eine begeisterte Aufnahme. Im folgenden Jahr wanderte die Ausstellung nach St. Petersburg, wo sie auf ein erschütterndes Unverständnis für die pazifistischen Botschaften des Malers stieß.

Tretjakow-Galerie Tödlich verwundet, W. W. Wereschtschagin
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Die Öffentlichkeit erwartete einen triumphierenden russischen Soldaten, der siegreich durch die Steppen Turkestans marschierte; stattdessen wurde ihr eine schreckliche Wahrheit mit schockierenden Details präsentiert. Zum Beispiel die aufgespießten Köpfe russischer Soldaten auf Pfählen in dem Gemälde „Sie triumphieren“. Oder Wereschtschagins warnendes Werk „Die Apotheose des Krieges“ mit einem Berg von Schädeln und dem Kommentar des Malers: „Allen großen Eroberern der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gewidmet.“

Tretjakow-Galerie Sie triumphieren, 1872, Wassili Wereschtschagin
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Gegen Wereschtschagin begann eine regelrechte Hetzkampagne, er wurde beinahe als Vaterlandsverräter beschimpft, da man ihm Sympathien für den Feind vorwarf. Auch Kaiser Alexander II. äußerte seinen Unmut; der Gelehrte N. L. Tjutrjumow erhob sogar den Vorwurf, Wereschtschagin habe lediglich Skizzen angefertigt, während die Gemälde selbst von einem Malerteam in München gemalt worden seien. Der gekränkte Wereschtschagin schnitt daraufhin aus Protest drei Gemälde der Serie aus und verbrannte sie: „An der Festungsmauer. Sie kamen herein“, „Sie umzingelten sie – eine Verfolgungsjagd…“ und „Vergessen“.

Tretjakow-Galerie Plötzlicher Angriff, 1871, W. W. Wereschtschagin
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Der Virtuose gewann jedoch auch viele Bewunderer. In St. Petersburg gab es Interessenten, die einzelne Werke der Serie erwerben wollten, doch Wereschtschagin bestand darauf, dass sie als Ganzes gekauft werden müsse. Und er fand tatsächlich einen Käufer – den berühmten Sammler Pawel Tretjakow, der sie noch im selben Jahr dem Moskauer Publikum präsentierte. Ihm ist es zu verdanken, dass die Gemälde der Serie heute in der Staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau zu sehen sind.

Tretjakow-Galerie Verkauf eines Kindersklaven, 1872, Wassili Wereschtschagin
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