Warum wird Russland „Mutter“ genannt?

Fenster nach Russland (Foto: Privatsammlung; Irakli Toidse)
Fenster nach Russland (Foto: Privatsammlung; Irakli Toidse)
Die Geschichte des Ursprungs eines der wichtigsten nationalen Symbole Russlands reicht bis in die Zeit der alten Slawen zurück.

„Mutter Russland“ ist eines der wichtigsten Symbole nationaler Einheit in der russischen politischen Kultur und verkörpert das Land und seine Bevölkerung. Das Bild ist nicht nur in Russland, sondern auch im Ausland wohlbekannt.

Gemeinfrei
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Die Wurzeln des Symbols reichen tief in die Geschichte zurück. Es ist direkt mit einer der wichtigsten Gottheiten im Pantheon der Slawen verbunden – der „Mat Syra Zemlya“ („Feuchte Mutter Erde“), die allen Lebewesen und Pflanzen Leben schenkte.

Gemeinfrei „Mat` Syra Semlja“ („Feuchte Mutter Erde“)
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Jahrhundertelang war die „Heilige Mutter Erde“ ein fester Bestandteil der russischen Kultur. Während der Entstehung des Russischen Reiches unter Peter I. im frühen 18. Jahrhundert war ihr Bild in Literatur, bildender Kunst und Architektur allgegenwärtig.

O. Rjabow (CC BY-SA 3.0) „Russland“, 1896
O. Rjabow (CC BY-SA 3.0)

So wurde auf den kaiserlichen Siegeln „Mutter Russland“ als Frau mit Krone auf dem Kopf, Mantel auf den Schultern und mit Reichsapfel und Zepter in den Händen (Symbol der Staatsgewalt in Form einer goldenen Kugel, die von einem Kreuz überragt wird) dargestellt.

Gemeinfrei „Das weinende Russland“, 1896
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Das Bild des „Zarenvaters“ war untrennbar mit dem der „Mutter Russland“ verbunden. Mit seiner Krönung zum Zaren wurde der Monarch gleichsam in heiliger Ehe mit ihr vereint und erlangte so Autorität über sie sowie das Recht, in ihrem Namen zu sprechen und zu handeln.

Gemeinfrei Das Denkmal „Jahrtausend Russlands“
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In der Kaiserzeit war „Mutter Russland“ ein Symbol der Einheit, nicht nur der orthodoxen ostslawischen Völker (Russen, Ukrainer und Weißrussen), sondern aller Völker, die Teil dieses riesigen Staates waren.

Gemeinfrei Der russische Fünfhundert-Rubel-Schein, 1912
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„Mutter Russland“ war gütig, fürsorglich und gerecht gegenüber ihren Bürgern, doch unerbittlich und gnadenlos gegenüber den Feinden des Staates, des orthodoxen Glaubens und der slawischen Völker. In der russischen Propaganda aus der Zeit des Krieges von 1877/78 gegen das Osmanische Reich wurde sie als Kriegerin dargestellt, die mit ihrem Schild eine serbische Frau beschützt und dabei den türkischen Halbmond mit dem Fuß zertritt.

Gemeinfrei
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Plakate aus dem Ersten Weltkrieg stellten Russland, Großbritannien und Frankreich als drei heilige Schwestern und Märtyrerinnen dar – Glaube, Hoffnung und Liebe. Damit sollte die Gerechtigkeit des Krieges seitens der Triple Entente betont werden: „Das heilige Russland schreitet im Namen Gottes auf seinem siegreichen Weg voran.“

Gemeinfrei
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Während des Bürgerkriegs änderte sich die Einstellung zur Figur der „Mutter Russland“ in Teilen der Gesellschaft. Für die Bolschewiki wurde sie mit der Rückständigkeit und der Widerstandskraft des Zarenreichs gegen Veränderungen verbunden. Es erschienen Karikaturen, in denen einer hässlichen, übergewichtigen Frau (eine Anspielung auf das bekannte Symbol) ihre frühere Dummheit ausgepeitscht wurde.

Gemeinfrei
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Für die „Weißen“, die Gegner der Sowjetmacht, blieb das Bild von Mutter Russland heilig. Auf ihrem karikaturhaften Plakat „Opfer für die Internationale“ erscheint sie als hilflose, gefesselte Frau, die von den bolschewistischen Führern verstümmelt wird.

Gemeinfrei
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In der Sowjetunion wurde „Mutter Russland“ fast zwei Jahrzehnte lang nicht mehr erwähnt. Ende der 1930er Jahre tauchte sie wieder im öffentlichen Leben auf, diesmal jedoch in Gestalt von „Rodina-Mat’“ – der „Heimatmutter“.

Privatsammlung Filipp Maljawin. „Mutter Russland“
Privatsammlung

Die Idee des „Mutterlandes“ erreichte während des Zweiten Weltkriegs ihren Höhepunkt. Ein Plakat, auf dem sie die Bürger zur Verteidigung ihres Landes aufrief, wurde weltweit verbreitet. Nach Kriegsende wurde am Ort der blutigen Kämpfe in Stalingrad (heute Wolgograd) eine 85 Meter hohe Monumentalstatue mit dem Titel „Die Heimat ruft!“ errichtet.

Gemeinfrei Das Plakat „Das Mutterland ruft!“, 1941
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Nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 geriet Russland in eine langwierige wirtschaftliche und politische Krise, und kaum jemand erinnerte sich noch an die ehemals vorherrschenden ideologischen Stereotype. Heute jedoch gilt „Mutter Russland“ wieder als eines der wichtigsten Symbole nationaler Einheit.

Anastassia Galjamitschewa (CC BY-SA 4.0)
Anastassia Galjamitschewa (CC BY-SA 4.0)