Pjotr Tschaikowski: Wie ein Junge vom Land zu Russlands berühmtestem Komponisten wurde
Zehn Opern, drei Ballette und sieben Sinfonien, dazu unzählige Lieder, Konzerte, Kantaten, Klavierminiaturen und eine breite Palette an Orchester- und Solomusik – so groß ist das Erbe, das Pjotr Tschaikowski der klassischen Musik hinterlassen hat. Der große Komponist wirkte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die als das „Goldene Zeitalter der russischen Musik“ gilt.
Mozart und das Bauernmädchen, das Tschaikowski Musik beibrachte
Die Familie Tschaikowski, 1848 (Peter ist der Zweite von links)
Tschaikowski wurde 1840 in Wotkinsk geboren, einer Stadt im Ural, wohin sein Vater aus St. Petersburg versetzt worden war, um das dortige Eisenwerk zu leiten. Unglaublicherweise existiert das Werk noch heute.
Tschaikowski, 1859
Das Musizieren und das Verfassen kurzer Gedichte gehörten zur Erziehung des jungen Pjotr zu Hause. Tschaikowskis Eltern waren zudem leidenschaftliche Musikliebhaber und gaben diese Leidenschaft auch an ihre Kinder weiter. Im Haus stand ein besonderes Instrument: ein kleines mechanisches Orgelinstrument, ein sogenanntes Orchestrion, dem Pjotr als Kind besonders gern zuhörte. Der Junge war vor allem von Mozart beeindruckt und schrieb in sein Tagebuch: „Dank ihm habe ich gelernt, was Musik ist.“
Tschaikowski, 1859 (der Siebte von links in der ersten Reihe)
Eine junge Leibeigene namens Maria Paltschikowa gab dem Jungen Klavierunterricht. Unter Tschaikowski-Forschern herrscht bis heute Uneinigkeit darüber, wie sie selbst das Notenlesen erlernte – ob sie es sich selbst beibrachte oder ob die adlige Dame, der sie angehörte, das Talent des Mädchens erkannte und ihr Unterricht finanzierte.
Jurastudium und Leidenschaft für das Theater
Als Tschaikowski 10 Jahre alt war, zogen er und seine Mutter nach St. Petersburg, wo er sich bald darauf an der Kaiserlichen Rechtsschule einschrieb.
1860er-Jahre
Das Leben in St. Petersburg unterschied sich deutlich vom Leben in der Provinz. Der kleine Pjotr wurde ins Theater mitgenommen, das er über alles liebte, und dort hörte er zum ersten Mal den Klang eines großen Orchesters.
Sein Vater engagierte einen Deutschen namens Rudolf Kündinger als privaten Klavierlehrer für Pjotr, und Kündinger begann, den Jungen zu Konzerten mitzunehmen. Ironischerweise sagte Kündinger Tschaikowskis Vater, der Junge habe kein besonderes musikalisches Talent.
Doch Pjotrs Faszination für die Musik blieb bestehen. Nach seinem Jura-Studium arbeitete er im Justizministerium, aber das Theater blieb seine Leidenschaft. Er freundete sich eng mit einer italienischen Sängerin an, die am russischen Theater engagiert war, und wurde ein großer Bewunderer der italienischen Oper.
Trotz Kündingers zweifelhafter Einschätzung von Tschaikowskis musikalischem Potenzial schlug sein Vater vor, dass Pjotr eine musikalische Ausbildung erhalten sollte. Und so schrieb sich Tschaikowski im Alter von 21 Jahren am St. Petersburger Konservatorium ein und studierte Komposition.
Erste Kompositionen und Armut
1865 wurde eines von Tschaikowskis Werken, die „Charakteristischen Tänze“ (später umbenannt in „Tanz der Heumädchen“), erstmals öffentlich aufgeführt. Unter der Leitung von Johann Strauss II. selbst wurde es begeistert aufgenommen. Im Anschluss daran spielte das Orchester des Konservatoriums eine seiner Ouvertüren für die Zarenfamilie im Michailowski-Palast. Diesmal dirigierte Tschaikowski selbst.
Ende der 1860er-Jahre
Doch trotz dieser Fortschritte blieb ihm die breite Anerkennung verwehrt. Tschaikowski verließ den Staatsdienst, um sich ganz der Musik zu widmen, und verlor dadurch sein regelmäßiges Einkommen. Seine Biografin Nina Berberowa beschrieb diese Zeit so: „Es gab kein Geld, Schulden … Das Komponieren lief nicht gut, und zeitweise schien es nur einen Ausweg zu geben – die Abteilung im Ministerium. Sollte er zurückkehren?“
Hinzu kam, dass Tschaikowski in St. Petersburg völlig allein war, nachdem seine gesamte Familie in den Ural zurückgekehrt war. Laut Berberowa dachte er sogar an Selbstmord.
Reisen nach Europa und Tolstois Tränen
Tschaikowski schloss im darauffolgenden Jahr sein Studium am St. Petersburger Konservatorium ab und wurde eingeladen, am entsprechenden Moskauer Konservatorium zu lehren. Die Moskauer Zeit brachte ihm schließlich Erfolg, zunächst jedoch als Musikkritiker.
Pjotr Iljitsch Tschaikowski (rechts) mit seinen Brüdern Modest und Anatoli sowie N. D. Kondratjew, 1875
Er freundete sich mit den Fünf (auch bekannt als die „Das mächtige Häuflein“) an, einer Gruppe von Komponisten, zu denen unter anderem Modest Mussorgski, Alexander Borodin und Nikolai Rimski-Korsakow gehörten. Tschaikowskш bereiste Europa und besuchte dabei natürlich häufig das Theater. Er war begeistert von Georges Bizets „Carmen“ und völlig hingerissen von Richard Wagners Musik.
Leo Tolstoi
Es gibt eine amüsante Anekdote über die Aufführung von Tschaikowskis eigenen Werken. Im Konservatorium war eigens für Leo Tolstoi ein kleines Konzert mit Tschaikowskis Musik organisiert worden. Der Pförtner erkannte den großen Schriftsteller jedoch nicht und verweigerte ihm den Einlass, da er Filzstiefel trug. Jemand beobachtete die Szene, und schließlich konnte der Vorfall geklärt werden. Tolstoi saß in der ersten Reihe und war von der Musik des jungen Komponisten zu Tränen gerührt.
Ruhm und ein neues Leben
In den 1870er Jahren begeisterte sich Tschaikowski für Folklore. In dieser Zeit komponierte er die Musik zu Alexander Ostrowskis Drama „Das Schneemädchen“, zu „Der Opritschnik“, einer Oper, die zur Zeit Iwans des Schrecklichen spielt, zur Oper „Vakula der Schmied“ (später überarbeitet zu „Pantöffelchen“, basierend auf Nikolai Gogols Erzählung „Die Nacht vor Weihnachten“) und zu einem seiner bekanntesten Ballette, „Schwanensee“. Tschaikowski übersetzte außerdem europäische Opernlibretti und Werke westlicher Musiktheoretiker.
Die Oper „Eugen Onegin“ brachte ihm schließlich den Durchbruch. Sie wurde auf der Hauptbühne des Kaiserlichen Mariinski-Theaters in St. Petersburg uraufgeführt.
Eine Szene aus Tschaikowskis Oper „Onegin“
Tschaikowski plädierte dafür, das Komponieren von Musik als Handwerk zu betrachten, das vor allem, so der Komponist, ein Einkommen sichern sollte. „Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn und Schumann komponierten ihre unsterblichen Werke genau so, wie ein Schuster seine Stiefel fertigt – also Tag für Tag und zumeist auf Bestellung“, schrieb er.
Der Lebensstil des Komponisten änderte sich, und er begann, sich in höheren Gesellschaftskreisen zu bewegen und Zeit mit Mitgliedern der Kaiserlichen Familie zu verbringen. Häufig nahm er in der königlichen Loge des Theaters Platz, wo er einst Alexander III. vorgestellt wurde (der später die gesamten Kosten von Pjotr Iljitsch Tschaikowski’s Beerdigung übernahm). Der Komponist reiste oft ins Ausland, unter anderem zu Premieren eigener Werke. Sogar in die Vereinigten Staaten führte ihn seine Reise, wo er bei der Eröffnung der Carnegie Hall auftrat.
Odessa, 1893
Trotz all dieser Erfolge besaß Tschaikowski immer noch kein eigenes Haus. Er wohnte entweder bei Freunden oder in Hotels. Erschöpft vom Leben eines ewigen Reisenden, mietete er sich in den letzten zwei Jahren seines Lebens ein Haus in Klin, einem ruhigen Städtchen bei Moskau. Heute ist das Haus ein Museum, das dem Komponisten gewidmet ist.
Das Tschaikowski-Hausmuseum in Klin
Tschaikowsky starb nach seiner Rückkehr nach St. Petersburg völlig unerwartet an Cholera. Die Krankheit verfolgte seine gesamte Familie – seine Mutter starb daran, und sein Vater wäre beinahe daran gestorben.
Ehe und Homosexualität
Tschaikowski war in seinem Privatleben nicht besonders glücklich. 1877 heiratete sie Antonina Miljukowa, eine Musikerin und Studentin am Moskauer Konservatorium. Die Ehe hielt nur wenige Wochen durch. Er hatte eine Affäre mit der französischen Sängerin Désirée Artôt und pflegte viele Jahre lang einen Briefwechsel mit der Kunstmäzenin Nadeschda von Meck, deren Förderung und finanzielle Unterstützung er genoss.
Mit seiner Frau Antonina, 1877
Gleichzeitig war Tschaikowski homosexuell. Sein jüngerer Bruder war es ebenfalls und wurde in der Folge zum Bewahrer seines Vermächtnisses. Es wird angenommen, dass Tchaikowski seine ersten sexuellen Erfahrungen bereits in seiner Privatschulzeit gemacht haben könnte. Später war er in mehrere Skandale verwickelt, bei denen er in Gesellschaft von heranwachsenden Jungen gesehen wurde.
Nach seinem Tod kursierten Gerüchte, Tchaikowski habe aus Angst vor einer Strafverfolgung wegen seiner Homosexualität Suizid begangen, doch Biografen weisen dies zurück.
1893
Während der Sowjetzeit wurden Informationen über Tschaikowskis Homosexualität selbst Forschern vorenthalten, da Homosexualität in der Sowjetunion (wie in allen anderen Ländern zu jener Zeit) illegal war und der berühmteste Komponist nicht als Krimineller gelten konnte. In Russland wurde dieser Aspekt von Tschaikowskis Privatleben erst relativ spät thematisiert, als ein Film über sein Leben gedreht wurde.