„Ich reiste mit größtem Interesse nach Moskau“ – Stefan Zweigs Blick auf Sowjetrussland im Jahr 1928

Sputnik Stefan Zweig (1881 – 1942) – ein österreichischer Schriftsteller, Dramatiker und Journalist.
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Der Blick von außen ist immer interessant – der eines berühmten Schriftstellers umso mehr. Stefan Zweig reiste nur ein einziges Mal in die Sowjetunion und blieb dort kaum zwei Wochen. Dank seiner präzisen Beobachtungen sehen wir Moskau, Leningrad und Jasnaja Poljana fast ein Jahrhundert später mit seinen Augen.

Die vollständige Artikel ist auf der Webseite der Zeitschrift „Русский мир“ veröffentlicht. 

„Kann man sich in unserer Welt eine ebenso interessante, anziehende, lehrreiche und bewegende Reise vorstellen wie eine Reise nach Russland?“, erinnerte sich Stefan Zweig. „Während Europa und besonders seine Hauptstädte sich in einem Prozess der unaufhaltsamen Angleichung und Vereinheitlichung befinden, bleibt Russland anders als andere Länder. Nicht nur die Augen, nicht nur die ästhetischen Empfindungen werden von diesem beständigen Staunen gefangen genommen, sondern auch die geistigen Vorstellungen bilden sich hier aus einer anderen Vergangenheit in eine andere Zukunft.“

Am 10. September 1928 fuhr der Schnellzug „Berlin–Mandschurei“ am Bahnsteig des Weißrussischen Bahnhofs ein. Dieser Zug war damals die einzige Verbindung zwischen Europa und dem „Herzen Russlands“, seiner Hauptstadt Moskau. Unter den Passagieren befand sich der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig, der auf Einladung des Jubiläumskomitees zum 100. Geburtstag Leo Tolstois in die UdSSR reiste. 

Ein Vorsatz zur Unvoreingenommenheit

Die Einladung kam spät, doch Zweig entschied sich sofort zu reisen. „Wir sind nur dreißig bis vierzig Menschen, von denen die Hälfte das Land ohne Halt durchquert“, schrieb er. Die geringe Zahl der Reisenden erklärte sich durch die politische Lage jener Zeit. Russland war durch eine Art „kontinentale Blockade“ vom Westen isoliert. „Wir überschreiten eine unsichtbare Wand“, bemerkte Zweig.

Das herbstliche Moskau empfing ihn mit Kälte, Regen und Blumen. Journalisten umringten ihn, und schon am nächsten Tag erschienen seine ersten Interviews. „Ich bin mit größtem Interesse nach Moskau gereist und habe mir vorgenommen, bis zum Ende ehrlich und unvoreingenommen zu sein“, sagte er der „Wetschernaja Moskwa“ (die Moskauer Abendzeitung). Im Ausland gebe es viele verzerrte Vorstellungen über das neue Russland, und er fühle es als Pflicht, sich selbst ein Bild zu machen.

Omnium, 2014
Omnium, 2014

Die Reise war lange sein Wunsch gewesen. Seit der Schulzeit liebte er die russische Literatur, insbesondere Dostojewski und Tolstoi, über die er ausführliche Essays schrieb. „Tolstoi ist für mich ein großer Lehrer“, sagte Zweig. Russland sei für die europäische Jugend ein geistiger Bezugspunkt gewesen. Die Reise hatte sich über Jahre verzögert: zunächst durch den Ersten Weltkrieg, später durch die politischen Spannungen zwischen Ost und West. Nun endlich war er in Moskau und erwartete „lehrreiche und glückliche Stunden“.

Der geübte Blick des Reisenden erkennt sofort Besonderheiten. Doch Zweig versucht, sich jeder Bewertung zu enthalten und nur zu beobachten. „Wer nur die Hauptstädte Russlands gesehen hat und die Sprache nicht beherrscht, sollte keine vorschnellen Urteile fällen“, schreibt er. „Er darf nur Eindrücke weitergeben, nicht bewerten, nicht verzerren, nicht lügen.“

Ein anderes Maß für Zeit und Raum

Eines der ersten starken Eindrücke ist das andere Verhältnis von Zeit und Raum. Schon die Zeitverschiebung um eine Stunde reicht nicht aus, um sich anzupassen. Vielmehr müsse man seine gesamte Wahrnehmung verändern. „In diesem Land verliert die Zeit an Wert, die Entfernung gewinnt eine andere Bedeutung“, schreibt Zweig. Kilometer werden in Tausenden gemessen, eine Reise von zwölf Stunden gilt als kurzer Ausflug, eine von drei Tagen als normal.

Archivfoto
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Auch das Verhältnis zur Zeit überrascht ihn: „Zeit ist hier wie Kupfermünzen, niemand sammelt sie.“ Eine Verspätung von einer Stunde gilt nicht als Unhöflichkeit, lange Gespräche sind selbstverständlich, selbst mehrstündige Reden wirken kurz. Zweig gewöhnt sich jedoch schnell an diese neue Zeitordnung. „Nach einem Tag in Russland passt man sich innerlich an“, bemerkt er. Man akzeptiert lange Reisen und große Entfernungen als selbstverständlich.

Moskau im Jahr 1928

Museum von Moskau/russiainphoto.ru Verkehr auf dem Swerdlow-Platz
Museum von Moskau/russiainphoto.ru

Zweig beschreibt Moskau als „den erstaunlichsten und eigenartigsten Ort der Welt“. Straßenbahnen fahren über unebene Straßen, Menschen drängen sich, Händler verkaufen Obst aus einfachen Ständen. Alles bewegt sich in einem Rhythmus, der ihm fremd ist. Er bemerkt das Fehlen übermäßiger Werbung und Konkurrenz zwischen Geschäften. Viele Läden gehören dem Staat, und Produkte müssen nicht beworben werden. Stattdessen hängen Plakate, die zur Arbeit, Disziplin und Produktivität aufrufen. „Die Straße erhält eine eigentümliche, ernste Atmosphäre“, schreibt er.

Boris Ignatowitsch/MAMM/MDF/russiainphoto.ru Straßenkinder und Pioniere bei der Maifeier-Demonstration
Boris Ignatowitsch/MAMM/MDF/russiainphoto.ru

Moskau wirkt wie eine Mischung aus verschiedenen Zeiten und Stilen: alte Kirchen, moderne Gebäude, Holzhäuser und Paläste stehen nebeneinander. „Nichts passt zusammen, und doch entsteht daraus eine beeindruckende Harmonie.“ Ein besonders starker Eindruck entsteht durch die Nähe religiöser und politischer Symbole. Ikonen und Lenins Mausoleum liegen nur wenige Schritte voneinander entfernt. Zweig sieht darin eine Verschiebung von religiöser zu politischer Verehrung.

Intelligenz und Lebensbedingungen

Archivfoto Stefan Zweig und Maxim Gorki
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Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachtet er die Lage der Intelligenz. Obwohl die Revolution Millionen Menschen befreit habe, habe sich ihre Lebenssituation verschlechtert. Wohnungsnot und enge Verhältnisse prägen ihren Alltag. Zweig beschreibt die Moskauer Kommunalwohnungen: mehrere Familien teilen sich eine Küche und ein Bad. Oft lebt eine ganze Familie in einem einzigen Raum. Dennoch bewundert er die Ruhe und Geduld der Menschen. „Am meisten hat mich der Heroismus der russischen Intellektuellen beeindruckt“, schreibt er. Künstler und Schriftsteller bleiben trotz schwieriger Bedingungen im Land. Sogar internationale Angebote lehnen sie ab. Diese Haltung sieht er als Mischung aus Idealismus und Opferbereitschaft.

Sputnik Der sowjetische Filmregisseur Sergei Michailowitsch Eisenstein, Autor grundlegender Werke zur Kinematografie. Dank seines Films „Panzerkreuzer Potemkin“ wurde sein Name zum Synonym für das sowjetische Kino der 1920er Jahre. Zentrales Staatsarchiv für Literatur und Kunst der UdSSR.
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Tolstoi-Feierlichkeiten

Der Anlass seiner Reise ist die Feier zum 100. Geburtstag Leo Tolstois im Bolschoi-Theater. Der Beginn verzögert sich, ohne dass Unruhe entsteht. Zweig spricht selbst über Tolstoi und die Bedeutung seiner Werke für Europa. Später besucht er die Eröffnung des Tolstoi-Museums und reist nach Jasnaja Poljana. Dort beeindruckt ihn die Einfachheit des Hauses, in dem Tolstoi lebte. „Jeder Gegenstand hier trägt eine geistige Bedeutung“, schreibt er. Er trifft auch junge sowjetische Schriftsteller und sieht in ihnen eine neue literarische Generation. Ihre Werke erscheinen ihm kraftvoll und volksnah.

Leningrad und Schlussbetrachtung

In Leningrad beeindruckt ihn besonders die Eremitage. Der Kontrast zwischen den Kunstschätzen und der Armut des Landes führt ihn zu einer grundlegenden Überlegung über die Revolution: Sie erscheine ihm aus diesen Gegensätzen heraus verständlich. Zweig zieht jedoch kein endgültiges Urteil. „Ich habe nicht die Kühnheit, nach so kurzer Zeit ein Buch über Russland zu schreiben“, sagt er. Nur wer das Land wirklich kennt, könne es beurteilen.

Helvetius, 2000
Helvetius, 2000

Sein Fazit lautet später: „Wir alle waren – bewusst oder unbewusst – im Irrtum über Russland.“ Die westliche Welt habe das Land lange falsch eingeschätzt. Zweig wird später oft als naiv bezeichnet, doch seine Aufzeichnungen zeigen etwas anderes. Er sieht vieles klar, verweigert sich jedoch schnellen Urteilen. Seine bewusste Haltung ist die des Beobachters, nicht des Richters.