Der ursprüngliche Titel von Kasimir Malewitschs berühmtestem Gemälde lautet eigentlich nicht „Schwarzes Quadrat“, sondern „Schwarzes suprematistisches Quadrat“. Doch das ist noch längst nicht die einzige kuriose Tatsache über dieses Meisterwerk…
1. Es ist kein Quadrat und es ist nicht schwarz
Malewitschs „Schwarzes Quadrat“ ist eigentlich gar kein Quadrat. Keine seiner Seiten verläuft parallel zueinander oder zum Rahmen des Gemäldes. Streng genommen handelt es sich also eher um ein Rechteck.
Und schwarz ist es auch nicht. Malewitsch verwendete eine spezielle Farbmischung, in der kein einziger schwarzer Farbton vorkam. Daher entspricht der Name des Gemäldes nicht ganz der Realität.
2. Das Gemälde hat zwei Entstehungsdaten
Das „Schwarze suprematistische Quadrat“ wurde von Kasimir Malewitsch eigentlich schon 1913 „erfunden“ – als Teil eines Bühnenvorhang-Entwurfs für die russische futuristische bzw. kubofuturistische Oper „Sieg über die Sonne“. Dem Künstler selbst war das genaue Entstehungsdatum seines Werkes allerdings nicht besonders wichtig. Das berühmte „Schwarze Quadrat“ entstand in seiner bekannten Gemäldeform erst 1915 für die Ausstellung „Die letzte futuristische Ausstellung der Bilder 0,10“, die vom 19. Dezember 1915 bis zum 17. Januar 1916 in Petrograd stattfand. Dort wurde es zusammen mit anderen suprematistischen Werken gezeigt. Als Malewitsch das Bild im Juni 1915 malte, schrieb er dennoch „1913“ auf die Rückseite der Leinwand, um zu betonen, dass das Werk ursprünglich 1913 entstanden, aber erst 1915 gemalt worden war. Der Künstler nannte sein Werk stets „Das zentrale suprematistische Element. Quadrat. 1913“.
3. Es ist eigentlich Teil eines Triptychons
Als das Werk 1915 zum ersten Mal ausgestellt wurde, wurde es zusammen mit zwei anderen „wichtigen suprematistischen Formen“ gezeigt – dem „Schwarzen Kreis“ und dem „Schwarzen Kreuz“, die weniger bekannt sind als das „Schwarze Quadrat“.
4. Es ist über ein anderes Gemälde gemalt
Während einer Durchleuchtung des Originalgemäldes im Jahr 2015 machten Forschende eine wichtige Entdeckung. Unter dem „Schwarzen suprematistischen Quadrat“ befinden sich zwei frühere Gemälde. Das erste war eine kubofuturistische Komposition, darüber malte Malewitsch später eine suprematistische Komposition. Erst danach übermalte er die gesamte Leinwand und schuf so das „Schwarze suprematistische Quadrat“.
Außerdem konnten die Forschenden eine Bleistiftinschrift entziffern. „Die Inschrift wurde mit schwarzem Bleistift auf eine getrocknete weiße Farbschicht geschrieben, besteht aus drei Wörtern und lässt sich als ‚Schlacht der Neger‘, vermutlich ‚bei Nacht‘, lesen“, erklärte die Forscherin Jekaterina Woronina.
5. Es ist nicht das erste komplett schwarze Gemälde
Die entdeckte Inschrift stammt laut Grafologen von Malewitsch selbst. Darin bezieht er sich vermutlich auf das erste vollständig schwarze Gemälde, das Malewitsch nie gesehen, aber offenbar von dem er gehört hatte: Combat de nègres pendant la nuit („Schlacht der Neger bei Nacht“), 1882 von Paul Bilhaud gemalt – keinem Maler, sondern einem Dramatiker und Librettisten. Das Gemälde „Schlacht der Neger bei Nacht“ ist eine komplett schwarze Leinwand. Es galt seit 1882 als verschollen und wurde 2017/18 in einer Privatsammlung wiedergefunden.
Allerdings ist auch Bilhauds Gemälde nicht die erste Darstellung von Schwarz. Der englische Arzt und Okkultist Robert Fludd veröffentlichte 1617 in seinem Buch über den Ursprung und die Struktur des Kosmos eine Abbildung der „Dunkelheit“; und der französische Illustrator Bertall veröffentlichte 1843 sein schwarzes Vue de La Hogue (effet de nuit).
6. Es gibt weltweit vier existierende „Schwarze Quadrate“ – und alle befinden sich in Russland
Kasimir Malewitsch schuf mehrere individuelle Versionen des „Schwarzen Quadrats“. Aktuell existieren vier Varianten, die sich in Muster, Textur und Farbe unterscheiden.
Das erste „Schwarze Quadrat“ entstand 1915 und wurde in der Ausstellung „0.10“ gezeigt. Es befindet sich in der Tretjakow-Galerie. Die Leinwand misst 79,5 × 79,5 Zentimeter.
Das zweite „Schwarze Quadrat“ (106 × 106 cm) entstand 1923 für die Biennale in Venedig. Es befindet sich im Russischen Museum.
Das dritte, 1929 entstandene Gemälde malte Malewitsch für seine Einzelausstellung in der Tretjakow-Galerie. Es ist eine exakte Kopie des Originals (ebenfalls 79,5 cm Seitenlänge) und befindet sich ebenfalls in der Tretjakow-Galerie.
Das vierte „Schwarze Quadrat“ ist das geheimnisvollste. Es entstand 1932 und misst 53,5 × 53,5 cm. Lange Zeit blieb seine Existenz unbekannt – erst 1993 tauchte das Bild in Samara wieder auf. Eine nicht namentlich genannte Person hatte es dort als Sicherheit für einen Bankkredit hinterlegt. Das Gemälde wurde nicht abgeholt und schließlich an den Oligarchen Wladimir Potanin verkauft, der es der Staatlichen Eremitage schenkte, wo es sich heute befindet.
7. Malewitsch malte auch ein „Rotes Quadrat“ und ein „Weißes Quadrat“
Das „Rote Quadrat“, das den Titel „Malerischer Realismus einer Bäuerin in zwei Dimensionen“ trägt, wurde von Kasimir Malewitsch im Jahr 1915 gemalt – für dieselbe Ausstellung, auf der auch das „Schwarze Quadrat“ erstmals gezeigt wurde.
Das „Weiße Quadrat“, auch „Weiß auf Weiß“ genannt, entstand 1918. Das Gemälde besteht aus zwei sehr ähnlichen Weißtönen: Der Hintergrund ist in einem leicht warmen, ockerfarbenen Ton gehalten. Das Quadrat selbst ist in einem kühlen, bläulichen Schimmer gehalten.
Der Künstler schrieb dazu: „Die drei suprematistischen Quadrate symbolisieren die Etablierung bestimmter Weltanschauungen und die Gestaltung der Welt … Schwarz als Zeichen der Ökonomie, Rot als Signal der Revolution und Weiß als reine Handlung.“