Was ist das „Goldene Zeitalter der russischen Literatur“?

Kira Lissizkaja (Foto: Oleksandr Bushko/Getty Images; OpenAI)
Kira Lissizkaja (Foto: Oleksandr Bushko/Getty Images; OpenAI)
Dieser Begriff bezeichnet das 19. Jahrhundert. Doch was machte diese Epoche so besonders?

Der Begriff „Goldenes Zeitalter der russischen Literatur“ wurde bereits im 19. Jahrhundert vom Literaturkritiker Pjotr Pletnjow geprägt. Er sah im Dichter Wassili Schukowski den Wegbereiter einer neuen Ära der russischen Literatur. Schukowski verband natürliches Talent, Inspiration und meisterhafte handwerkliche Arbeit. In dieser neuen Dichtung sollte alles harmonisch sein – kein überflüssiges Wort, keine unnötige Ausschmückung.

Was zeichnete das 19. Jahrhundert aus?

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begannen sich neue sprachliche Normen herauszubilden. Einer der Ersten, der in seinen Werken die Kluft zwischen gesprochener und literarischer Sprache überbrückte, war der Historiker und Schriftsteller Nikolai Karamsin. Diese Veränderungen wurden vor allem von der jüngeren Generation vorangetrieben – von Schriftstellern wie Wassili Schukowski, Alexander Puschkin und Pjotr Wjasemski. Sie standen im Gegensatz zur älteren Generation von Dichtern wie Gawriil Derschawin und Alexander Schachowskoi, die auf der Vorrangstellung traditioneller Gattungen wie der feierlichen Ode, religiösen Dichtung und historischen Epen bestanden.

Nationales Puschkin-Museum Grigori Tschernezow. Puschkin, Krylow, Schukowski und Gneditsch im Sommergarten, 1832
Nationales Puschkin-Museum

Im Jahr 1863 veröffentlichte die renommierte Literaturzeitschrift „Sowremennik“ (wörtlich „Der Zeitgenosse“) einen Artikel des Schriftstellers und Kritikers Maxim Antonowitsch. Darin staunte er darüber, wie die jungen Dichter des frühen 19. Jahrhunderts all jene formalen Konventionen und Regeln über Bord geworfen hatten, die die Entwicklung der Poesie behindert hatten. Sein Fazit lautete: „Das war das Goldene Zeitalter unserer Literatur.“

Wer hat es auf die Liste der russischen „Goldenen“ Klassiker geschafft?

Zunächst bezog sich der Begriff „Goldenes Zeitalter“ nur auf die Werke von Alexander Puschkin, Nikolai Gogol, Jewgeni Baratynski und Iwan Krylow. Später erweiterten Literaturwissenschaftler den Begriff und verwendeten ihn für das gesamte 19. Jahrhundert. Die Liste der „goldenen“ Klassiker wurde schließlich um Lew Tolstoi, Fjodor Dostojewski, Iwan Turgenew und viele weitere Schriftsteller ergänzt.

Der sowjetische Schriftsteller Walentin Katajew brachte es auf den Punkt: Das „Goldene Zeitalter der russischen Literatur“ habe mit der Geburt Puschkins begonnen und mit dem Tod Tschechows geendet.

Oleg Ignatowitsch / Sputnik Kukryniksy. Porträt des Akakij Baschmatschkin. Illustration zu Nikolai Gogols Erzählung „Der Mantel“ (Reproduktion)
Oleg Ignatowitsch / Sputnik

In dieser Zeit entstanden in der russischen Literatur neue Archetypen von Figuren. Dazu gehören zum Beispiel:

  • Der „kleine Mann“ – etwa Samson Wyrin aus Puschkins „Erzählungen des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin“ oder Akakij Baschmatschkin aus Gogols „Der Mantel“.
  • Der „überflüssige Mensch“ – wie Eugen Onegin.

Zu Beginn des Jahrhunderts übte die europäische Romantik einen starken Einfluss auf die Kunst aus. Ihre Helden stellten sich unweigerlich gegen die Gesellschaft und träumten davon, in ihrer eigenen, idealisierten Welt zu leben.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist die Figur aus Michail Lermontows Poem „Mzyri“.

Sputnik Irakli Toidse. Illustration zu Michail Lermontows Poem „Mzyri“
Sputnik

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstand jedoch der Realismus, der bald zu einer der prägenden Strömungen der russischen Literatur wurde. Seine Vertreter setzten sich mit drängenden gesellschaftlichen und politischen Fragen auseinander und schilderten das Leben mit schonungsloser Offenheit. Ihre Helden zeichneten sich durch psychologische Tiefe und eine intensive Suche nach moralischen Antworten aus. Viele Werke dieser Epoche sind zu zeitlosen Klassikern der Weltliteratur geworden: Tolstois „Krieg und Frieden“, Dostojewskis „Schuld und Sühne“, Turgenews „Väter und Söhne“ und unzählige weitere.

Dieser Artikel wurde ursprünglich auf Russisch auf dem Portal „Culture.ru“ veröffentlicht.