Warum haben sich Tolstoi und Dostojewski nie getroffen?

Fenster nach Russland (Foto: Tretjakow-Galerie)
Fenster nach Russland (Foto: Tretjakow-Galerie)
Die Persönlichkeiten der beiden größten Romanciers der russischen Literatur faszinieren Forscher bis heute. Und zwar nicht nur einzeln, sondern auch gemeinsam.

„Wie sehr wünschte ich, alles sagen zu können, was ich für Dostojewski empfinde. <…> Ich habe diesen Mann nie gesehen und hatte nie direkten Kontakt zu ihm, und plötzlich, als er starb, wurde mir bewusst, dass er der mir allernächste, liebste und wichtigste Mensch war“, schrieb Tolstoi an seinen Freund, den Philosophen Nikolai Strachow.

Tolstoi und Dostojewski haben sich nie getroffen. Dies gilt wohl als das größte Rätsel der russischen Literatur. Warum haben zwei so berühmte zeitgenössische Schriftsteller nie miteinander kommuniziert, geschweige denn korrespondiert?

Ihre Lebenswege kreuzten sich nie

Tolstoi verbrachte fast sein ganzes Leben auf seinem Gut Jasnaja Poljana bei Tula. Gelegentlich kam er nach Moskau (wo er ein Haus kaufte und nach Dostojewskis Tod fortan jeden Winter verbrachte). Wer den Schriftsteller treffen wollte, reiste zu ihm auf sein Gut.

Sputnik Fjodor Dostojewski
Sputnik

Dostojewski wurde zwar in Moskau geboren, verbrachte dort aber nur seine Kindheit und lebte fast sein ganzes Leben in St. Petersburg, abgesehen von einigen Jahren im sibirischen Exil. Genau in diesen Jahren besuchte Tolstoi St. Petersburg.

Es gibt auch eine rätselhafte Episode im Zusammenhang mit der Enthüllung des Alexander-Puschkin-Denkmals in Moskau im Jahr 1880. Tolstoi erschien trotz Einladung und sogar Zureden von Iwan Turgenew nicht zu der Zeremonie. Dostojewski hingegen kam und hielt seine berühmte „Puschkin-Rede“.

Tiefe religiöse Widersprüche

Tolstois Absage gab Anlass zu zahlreichen Gerüchten und Mythen. Eine besagte, der Autor von „Krieg und Frieden“ sei gerade deshalb nicht gekommen, weil er wusste, dass Dostojewski anwesend sein würde.

Es gibt auch Versionen, wonach Tolstoi nicht bereit war, Dostojewski zu treffen. Zu dieser Zeit durchlebte er eine spirituelle Krise und verfasste religiöse Abhandlungen, wofür er später exkommuniziert wurde.

Staatliches Museum L. N. Tolstoi Lew Tolstoi in Jasnaja Poljana
Staatliches Museum L. N. Tolstoi

Dostojewski hingegen war ein tiefgläubiger Christ; all seine Werke waren von der Idee durchdrungen, dass nur wahrer Glaube und Entsagung Erlösung bringen könnten.

Dostojewski kannte Tolstois Abhandlungen und war darüber empört. Offenbar wurde in literarischen Kreisen sogar darüber diskutiert, dass Tolstoi „verrückt“ geworden sei, was sich auch in Dostojewskis Tagebuch widerspiegelt.

Gleichzeitig unterließ er es bewusst, Tolstoi seine Aufwartung zu machen, wie es andere Schriftsteller taten, obwohl er eingeladen war, da sie viele gemeinsame Bekannte hatten. „Jurjew drängte mich, ihn in Jasnaja Poljana zu besuchen <…>. Aber ich werde nicht hingehen, obwohl ich sehr neugierig bin“, schrieb Dostojewski in sein Tagebuch.

Dennoch interessierte sich Dostojewski für die Ansichten seines Kollegen: In St. Petersburg traf er Tolstois Tante und bat sie, ihm dessen Ideen zu erläutern. Daraufhin gab sie ihm Briefe von Tolstoi. Nachdem Dostojewski diese gelesen hatte, „fasste er sich an den Kopf und wiederholte verzweifelt: ‚Nicht das, nicht das!‘…“, schrieb sie später.

Es folgte keine weitere Diskussion, denn nur wenige Wochen später verstarb Dostojewski.

Es gab die Gelegenheit, sich zu treffen

Es gab definitiv einen Anlass, bei dem sich beide Schriftsteller im selben Raum befanden. 1878 besuchten beide eine Vorlesung des Philosophen Wladimir Solowjow. Doch keiner von ihnen wusste, dass der andere im Saal war.

Staatliches Museum L. N. Tolstoi Lew Tolstoi in seinem Moskauer Haus
Staatliches Museum L. N. Tolstoi

Bei dem Vortrag war auch der bereits erwähnte Philosoph Nikolai Strachow anwesend, der beide Männer kannte. Daher rührt die Verschwörungstheorie, Strachow habe die beiden Schriftsteller absichtlich nicht einander vorgestellt, um der einzige Vermittler zwischen ihnen zu bleiben.

Nach Dostojewskis Tod traf seine Frau Anna schließlich auf Tolstoi. Ihr ist es zu verdanken, dass bekannt wurde, dass beide bei jenem Vortrag gewesen waren. Und ihr gegenüber gestand Tolstoi, dass er es bedauerte, seinen Schriftstellerkollegen nie kennengelernt zu haben.