3 russische Wörter, die von Fjodor Dostojewski erfunden wurden
1. Стушеваться (Stuschewatsja – „in den Hintergrund treten“)
Dieses Wort vielleicht als das bekannteste der sogenannten „Dostojewskismen“. Der Schriftsteller war sehr stolz darauf, dass es ihm gelungen war, „ein völlig neues Wort in die russische Sprache einzuführen“.
Das Wort taucht erstmals in der Novelle „Der Doppelgänger“ auf. Mit diesem Ausdruck charakterisiert Dostojewski seinen Helden Goljadkin, der es liebt, „стушеваться и зарыться в толпе“ – sich also in der Menge zu verlieren und unauffällig zu werden.
Der Autor selbst erklärte die Bedeutung folgendermaßen: „‚Stuschewatsja‘ bedeutet verschwinden, sich selbst auslöschen, verblassen, gleichsam zu Nichts werden … So wie ein Schatten auf einer mit Tusche schattierten Zeichnung allmählich vom Dunklen ins Helle übergeht und schließlich ganz verschwindet.“
Im Laufe der Zeit erhielt das Wort die Bedeutung „verlegen werden“ oder „scheu werden“.
2. Лимонничать (Limonnitschatʹ – „aufgesetzt flirten“)
In der russischen Sprache kann fast jedes Substantiv zum Verb werden. Das gilt auch für Früchte – in diesem Fall Zitrone (russ. „лимон“) und Orange (russ. „апельсин“).
„Лимонничать“ („limonnichatʹ“ ) und „апельсинничать“ („apelsinnichatʹ“) bedeuten im Grunde dasselbe (aus irgendeinem Grund hat sich das erste Wort aber stärker im Sprachgebrauch etabliert). Es bedeutet, auf eine übertrieben süße und gekünstelte Art zu flirten.
Das Wort erscheint in der Novelle „Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner“ und wird von der unsympathischen Figur Baktschejew geäußert:
„Да на что и нашему-то брату знать по-французски, на что? С барышнями в мазурке лимонничать, с чужими женами апельсинничать? Разврат – больше ничего!“
Übersetzt lautet die Stelle:
„Wozu braucht einer von unsererins überhaupt Französisch? Um mit jungen Damen in der Masurka лимонничать (limonnichatʹ – also herumzuschwärmen), oder mit den Frauen anderer Männer апельсинничать (apelsinnichatʹ – also herumzuschwärmen)? Nichts als Ausschweifung!“
3. Надрыв (Nadryw – „Überanstrengung / Übersteigerung“)
Dieses Wort existierte bereits vor Dostojewski, allerdings in einem eher physiologischen Sinn, etwa zur Bezeichnung eines Bänder- oder Muskelrisses. In die gesprochene russische Sprache ging es jedoch gerade in der neuen, von Dostojewski geprägten Bedeutung ein.
Heute hört man häufig die Wendung „mit nadryw sprechen“ (russisch: говорить с надрывом). Sie bedeutet, dass jemand an der Grenze seiner emotionalen Belastbarkeit spricht – halb hysterisch, mit großer innerer Anspannung und übersteigerter Gefühlsintensität.
Das Wort „надрыв“ („nadryw“) kommt im Roman „Die Brüder Karamasow“ sehr häufig vor; ein ganzes Kapitel ist diesem Begriff nahezu gewidmet. Meist stellt Dostojewski den „nadryw“ in einem negativen Zusammenhang dar und bringt ihn insbesondere mit weiblichen Figuren in Verbindung. Das Wort erscheint auch in verbaler Form, etwa in der Wendung „причитания <...> надрывают сердце“ („Klagen <...> sind herzzerreißend“), sowie als Adjektiv in Ausdrücken wie „голосок надрывчатый“ („eine angespannte, sich überschlagende Stimme“).
Auch im Roman „Die Dämonen“ ist von einem „nervösen Nadryw“ und einer „angestrengt-zerrissenen Stimme“ (nadrywny golos) die Rede. Wie das „Wörterbuch der Sprache Dostojewskis“ erläutert, lässt sich „nadryw“ nur schwer in andere Sprachen übersetzen, da es eine Mischung aus emotionaler Überanstrengung, Krankhaftigkeit, exaltierter Gefühlssteigerung und Unnatürlichkeit im Ausdruck von Emotionen oder im Handeln bezeichnet.
In englischen Übersetzungen von Dostojewskis Werken wird gelegentlich das Wort „laceration“ verwendet, das eigentlich „Risswunde“, „Verletzung durch Zerreißen“ oder „tiefer Schnitt“ bedeutet. Diese Übersetzung gibt den ursprünglichen Gedanken des „Zerrissenseins“ wieder, erfasst jedoch nur teilweise die komplexe psychologische und emotionale Bedeutung, die Dostojewski dem Begriff verliehen hat.