Was zog russische Künstler in das winzige Tarusa?

Liza_vetta (
CC BY-SA 4.0)
Liza_vetta (
CC BY-SA 4.0)
Diese kleine Stadt an den hohen Ufern des Flusses Oka ist auch als das „russische Barbizon“ bekannt. Schriftsteller und Künstler suchen dort seit dem späten 19. Jahrhundert Inspiration.

„Nirgendwo in der Umgebung von Moskau gab es Landschaften, die so typisch und zugleich so berührend russisch waren“, gestand der Schriftsteller Konstantin Paustowski, der viele Jahre in Tarussa lebte.

Galina Kmit  / Sputnik
Galina Kmit / Sputnik

Nur 130 Kilometer von der Hauptstadt entfernt eröffnen sich vor den Augen die idyllischen Landschaften entlang der Oka. Die Stadt scheint ganz aus Hügeln, Terrassen und steilen Wegen zu bestehen, die sich hinunter zum Fluss schlängeln. Das typische Bild: kleine, gepflegte Holzhäuser, Hähne, die zielstrebig über die Straße stolzieren, und ein paar Katzen, die mitten auf der Straße spielen – als wäre die Zeit stehen geblieben.

Roman Denisow / Global Look Press
Roman Denisow / Global Look Press

Dieser idyllische Ort wurde Ende des 19. Jahrhunderts zu einem beliebten Treffpunkt für Künstler. Wiktor Borissow-Mussatow, Wassili Watagin und Wassili Polenow besuchten den Ort. Auch Iwan Zwetajew, der Gründer des Puschkin-Museums, verbrachte dort mit seiner Familie die Sommermonate.

Konstantin Kokoschkin / Russian Look
Konstantin Kokoschkin / Russian Look

Das Familiennest

Viele Familien leben bereits seit Jahrzehnten in Tarussa. Der Tiermaler Wassili Watagin besuchte die Stadt erstmals 1902. Er war von Tarussa und seiner Umgebung so begeistert, dass er beschloss, sich dort niederzulassen. 1914 entwarf er ein Wohnhaus mit Atelier und einer großen Veranda im Obergeschoss. Von dort aus bot sich ein atemberaubender Blick über die Stadt, die Oka und auf Polenowo am gegenüberliegenden Ufer. Watagin selbst erlebte den Bau des Hauses allerdings nicht – er war inzwischen nach Indien gereist. Den Entwurf hatte er jedoch persönlich überwacht.

Sergei Oserinin / „Maslowka. Städtchen der Künstler“
Sergei Oserinin / „Maslowka. Städtchen der Künstler“

Er verzierte die Öfen, schuf dekorative Paneele im Stil indischer Epen und schnitzte Tierfiguren. Insgesamt lebte er dort 55 Jahre.

Wladimir Minkiwitsch / Sputnik
Wladimir Minkiwitsch / Sputnik

Ein Großteil des Hauses ist bis heute unverändert geblieben. Es wirkt nicht wie ein Museum, sondern eher wie eine große Werkstatt oder ein Atelier, dessen Artefakte die Geschichte der Familie Watagin erzählen.

Sergei Oserinin / „Maslowka. Städtchen der Künstler“
Sergei Oserinin / „Maslowka. Städtchen der Künstler“

Dort steht ein Tisch (vom Künstler selbst entworfen) mit ordentlich aufgereihten Pinseln, an dem er früher arbeitete; ein Porträt von Antonina Rschewskaja, einem Mitglied der Peredwischniki-Bewegung und der Schwiegermutter des Künstlers, die jeden Sommer Tarussa besuchte; und ein Foto seiner Tochter Irina, einer Künstlerin und Ikonenrestauratorin, sowie Gemälde und Skulpturen seines Enkels Nikolai, dem heutigen Besitzer des Hauses. Vor fünf Jahren zog er von Moskau dorthin, um sich dauerhaft niederzulassen: Im Winter malt er, im Sommer arbeitet er an Skulpturen.

Sergei Oserinin / „Maslowka. Städtchen der Künstler“
Sergei Oserinin / „Maslowka. Städtchen der Künstler“

Stadt der Verbannten

Wladimir Wjatkin / Sputnik
Wladimir Wjatkin / Sputnik

In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde Tarussa zu einem Zufluchtsort für Nonkonformisten und Dissidenten. Viele von ihnen wollten der Aufmerksamkeit der Behörden entgehen oder durften nach einer politisch motivierten Haftstrafe nicht mehr in der Nähe der Hauptstadt oder in größeren Städten leben. Auch Iossif Brodski zog auf Anraten von Anna Achmatowa vorübergehend nach Tarussa, um einer Verhaftung wegen „Schmarotzertums“ zu entgehen.

Legion Media
Legion Media

1961 wurde die kleine Stadt zum Schauplatz eines großen Skandals: Im Sommer jenes Jahres eröffnete im örtlichen Kulturhaus eine Ausstellung von Nonkonformisten. Nicht einmal eine Woche blieb sie geöffnet – nachdem die Werke als „dekadent“ gebrandmarkt worden waren, wurde die Ausstellung geschlossen. Zu den teilnehmenden Künstlern gehörte Eduard Steinberg, dessen Leben eng mit Tarussa verbunden war. Der Autodidakt beschäftigte sich intensiv mit dem Erbe der russischen Avantgarde und wandte sich Anfang der 1960er-Jahre der abstrakten Malerei zu. 2016 schenkte seine Witwe sein Atelier in Tarussa dem Staat.

Mehr über die Künstler, die in Tarussa lebten, erfahren Sie bei den „Tarussa-Expeditionen“ – einem geführten Tourprojekt des Museumszentrums „Maslowka: Stadt der Künstler“.