Was ist auf dem Gemälde von Wiktor Borissow-Mussatow dargestellt?
In jenem Sommer war Wiktor Borissow-Mussatow glücklich. Seine Muse, die Künstlerin Jelena Alexandrowa, hatte endlich „Ja“ gesagt. Kennengelernt hatten sie sich während ihres Studiums an der Moskauer Hochschule für Malerei, Bildhauerei und Architektur. Schon bald machte Wiktor ihr einen Heiratsantrag, den sie zunächst ablehnte. Frustriert und entmutigt reiste er 1895 nach Paris, wo er im Atelier von Fernand Cormon zu studieren begann und versuchte, sein gebrochenes Herz zu heilen.
Einige Jahre später kehrte er in seine Geburtsstadt Saratow zurück. Auf der Suche nach Inspiration reiste er 1901 auf Anraten von Freunden zum Gut Subrilowka, das in der Aue des Flusses Chopjor lag.
Es wurde einer der Lieblingsorte des Künstlers. Borissow-Mussatow war fasziniert von der Schönheit des Wolga-Anwesens und seiner romantischen Einsamkeit. Seine intensive Arbeit gab ihm die Kraft, sein Glück ein zweites Mal zu versuchen – und Alexandrowa nahm schließlich seinen Heiratsantrag an.
Erinnerung an die Vergangenheit
Als Geschenk vor der Hochzeit beschloss er, ein Bild für seine Verlobte zu malen – seine Idee teilte er nur mit ihr und seiner Schwester. Er arbeitete den ganzen Sommer und bis in den September 1902 hinein in Subrilowka daran, wobei beide Frauen Modell standen. Der Künstler suchte nach der passenden Farbgebung und fertigte zahlreiche Skizzen mit dahinziehenden Wolken an.
„Das Wasserbecken“ hat, wie viele andere Werke Borisow-Mussatows, keine Handlung. Er porträtierte die Braut in einem blauen Kleid, sitzend am Ufer. Seine Schwester, in einem rosa Kleid, steht am Wasserrand. Sie blicken einander nicht an: Alexandrowas Blick ist in die Ferne gerichtet, während Jelena Mussatowa die Augen geschlossen hat. Beide scheinen in tiefe Gedanken versunken. Eine spiegelglatte Wasseroberfläche breitet sich vor dem Betrachter aus, und er blickt wie von oben auf die Figuren des Gemäldes herab. Diese ungewöhnliche Perspektive erweckt den Eindruck, dass dies nicht die reale Welt ist, sondern ein Spiegelbild, gewoben aus zarten Weiß-, Blau- und Lilatönen.
„Mein Gott, wie wundervoll!“
Mit Einbruch des Herbstes verließen die Schwester und die Verlobte des Künstlers Subrilowka, gefolgt von Borissow-Mussatow selbst. In Saratow setzte er seine Arbeit an dem Gemälde fort und vollendete es im Februar 1903.
Er präsentierte „Das Wasserbecken“ auf der 10. Ausstellung des Moskauer Künstlerverbandes. Die Freunde des Künstlers waren von dem Anblick überwältigt: Der Kunstkritiker und -historiker Wladimir Stanjukowitsch erinnerte sich, dass die Freunde des Künstlers lange Zeit regungslos vor dem Gemälde standen und es wie gebannt betrachteten. „Wie wundervoll… Mein Gott, wie wundervoll…“, sagte jemand.
1917 wurde es von der Tretjakow-Galerie erworben, wo es sich bis heute befindet.
*Mehr über das Schaffen des Künstlers erfahren Sie in der Ausstellung „Wiktor Borissow-Mussatow. Harmonie des Bildes“, die noch bis zum 8. November in der Tretjakow-Galerie zu sehen ist.