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Warum durften nur Jugendliche als Vorreiter arbeiten?

Nikolai Swertschkow. Die Gutsherrin unterwegs
Legion Media
Das Wort „форейтор“ („Vorreiter“, „Spitzenreiter“) stammt aus dem Deutschen und bedeutet wörtlich „der vorneweg Reitende“/„vorausfahrend“.

Im Gegensatz zum Kutscher, der auf dem Kutschbock saß, ritt der Vorreiter auf einem der vorderen Pferde – meist bei einem Gespann, in dem die Pferde hintereinander oder paarweise angeordnet waren. Seine wichtigste Aufgabe war es, die vorderen Pferde zu lenken. Vom Kutschbock aus konnte der Kutscher sie mit Leinen oder Peitsche nur schwer erreichen. Der Vorreiter war daher gewissermaßen eine „Verlängerung“ der Arme des Kutschers und lenkte das gesamte Gespann.

Die ersten schriftlichen Belege für Vorreiter in Russland stammen aus dem frühen 18. Jahrhundert, wahrscheinlich gab es den Beruf aber schon früher. Im 19. Jahrhundert war die Tätigkeit bereits weit verbreitet.

Wassili Timm / Georg Timm. „Kutscher und Vorreiter“, um 1850
Georgia Museum of Art, University of Georgia

Die meisten Vorreiter waren Leibeigene, die zum Gesinde wohlhabender Haushalte gehörten. In reichen Gutshäusern trugen sie häufig eine Livree. Die Arbeit erforderte Geschick und Ausdauer – schließlich musste man sich sicher im speziellen, leichteren Vorreitersattel halten.

Doch warum waren Vorreiter fast immer Jugendliche oder sehr junge Männer? Der Grund war ganz praktisch: Die Pferde mussten ohnehin eine schwere Kutsche ziehen. Ein erwachsener Reiter hätte zusätzliches Gewicht bedeutet, während Jugendliche leichter und wendiger waren.

Peter II. auf der Falkenjagd
Zeitschrift „Niwa“, 1892

Auch Alexander Puschkin erwähnt einen Vorreiter in „Eugen Onegin“. Als die Familie Larin nach Moskau aufbricht, schreibt er:

 

Готовят завтрак повара,

Горой кибитки нагружают,

Бранятся бабы, кучера.

На кляче тощей и косматой

Сидит форейтор бородатый.

 

Die Köche packen Zehrung ein, 

Man staut die Lasten im Gedränge, 

Die Kutscher fluchen, Weiber schrein; 

Auf dürrem Gaul, voran als Leiter 

Thront stolz im Bart der Spitzenreiter

 

Dem heutigen Leser sagt der Ausdruck „im Bart der Spitzenreiter“ nichts, doch Puschkins Zeitgenossen würden darüber lachen. Der Ausdruck bedeutet, dass die Familie so lange im Dorf lebte, dass der Vorreiter im Laufe der Jahre vom jungen Mann zum bärtigen Erwachsenen heranwuchs.

John Augustus Atkinson. Stadtkutsche mit Vorreitern und Freihusaren
Historisches Museum

Mit dem Ende der Ära des Pferdetransports verschwand auch der Beruf zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Heute besitzen wohl nur noch hochspezialisierte Pferdezüchter das Wissen und die Fähigkeiten eines Vorreiters.