Warum sind die Russen (überwiegend) orthodoxe Christen?

Natalja Nosowa Seit dem Mittelalter ist Russland von orthodoxen Kirchen geprägt – und sie scheinen für immer dazuzugehören.
Natalja Nosowa
Die überwiegende Mehrheit der Russen bezeichnet sich als orthodoxe Christen und ist der Religion treu, die vor über tausend Jahren hierher kam. Viele Russen sehen ihre christliche Identität aber auch nur symbolisch.

Wenn ein Priester in der orthodoxesten Kirche Russlands, gelegen auf den Kommandeurinseln in der Beringsee (fast 8.000 Kilometer östlich von Moskau), um 8 Uhr morgens mit seiner Liturgie beginnt, ist der vorherige Tag in der Hauptstadt noch nicht einmal vorbei. Keine andere Religion ist in Russland so weit verbreitet. Nahezu jedes noch so kleine Dörfchen hat eine eigene kleine orthodoxe Kirche.

Das ist nicht überraschend. Statistiken zufolge bezeichnen sich rund 75 % der russischen Bürger als orthodoxe Christen. Aber wie hat alles angefangen?

Politik führt zu einem Glaubenswechsel

Bis ins späte 10. Jahrhundert waren die slawischen Stämme überwiegend heidnisch, wobei verschiedene Gemeinschaften unterschiedliche „lokale“ Götter bevorzugten und verehrten. Und das einfache Volk fand das völlig in Ordnung. Wollte ein Stamm einen Kampf gewinnen, brachte er Perun, dem Gott des Donners und des Krieges, ein Opfer. Hoffte man auf eine reiche Ernte, so betete man zu Mokosch, der Allmutter.

Wahrscheinlich wären die einfachen Stämme auch niemals auf die Idee gekommen, ihre Religion zu wechseln, wären sie nicht stark von den überregionalen Eliten beeinflusst worden. So wurde Großfürstin Olga (920 – 969), die erste Herrscherin über die Rus, in den 950er Jahren in Byzanz orthodox getauft. Ihr Enkel Fürst Wladimir (960 – 1015) taufte dann das ganze Land.

Historiker gehen größtenteils davon aus, dass der ehrgeizige Wladimir sich nicht sonderlich für Christus interessierte – er wollte sein Land unter einer Herrschaft und einer Kirche vereinen. Zunächst versuchte er, den Kult des Perun, seines bevorzugten heidnischen Gottes, einzuführen, doch das Volk lehnte ihn ab. Der Prinz brauchte eine bessere Option und einen einflussreichen ausländischen Verbündeten.

Die Wahl einer Religion

Laut der Chronik Geschichte vergangener Jahre aus dem Russischen Mittelalter lud Wladimir, bestrebt, alle Möglichkeiten auszuloten, Priester verschiedener Konfessionen ein: einen byzantinisch-orthodoxen, einen katholischen Priester aus dem Heiligen Römischen Reich, einen muslimischen Priester aus Wolgabulgarien und einen chasarischen Rabbiner. Vermutlich sagte er etwa: „Gut, nun erzählt mir von eurem Glauben und beeindruckt mich!“

Am Islam gefiel dem Herrscher, wie die Chronik besagt, dessen Alkoholverbot nicht. Schockiert erwiderte Wladimir: „Trinken ist die Freude aller Rus. Wir können ohne nicht existieren!“. Daraufhin schickte er den Muslim fort.

Der Rabbi konnte den Fürsten auch nicht überzeugen, denn dieser fragte: „Wenn das Judentum so großartig ist, wo ist dann euer Land?“ Der verwirrte Rabbi antwortete, das Heilige Land der Juden sei besetzt. Und Wladimir darauf: „Nun, wenn Ihr schon euer eigenes Land verloren habt, wie kann ich dann auf eure Religion vertrauen?“ So verpasste auch das Judentum die engere Auswahl einer neuen Staatsreligion der Alten Rus.

Auch die Katholiken aus Deutschland wies Wladimir zurück mit den Worten: „Kehrt dorthin zurück, woher ihr gekommen seid! Wie unsere Väter euren Glauben verworfen haben, so werden auch wir ihn verwerfen.“

Nur der byzantinische Priester konnte Wladimir überzeugen – mit der Größe Konstantinopels, den prächtig geschmückten Kirchen und den regelmäßigen Gottesdiensten. So konvertierte Wladimir im Jahr 988 selbst zum orthodoxen Glauben und beschloss auch sein ganzes Land zu taufen. Zumindest besagt das die Chronik.

Feuertaufe

Wie Historiker größtenteils annehmen, ging es Wladimir bei seiner Hinwendung zum orthodoxen Christentum weniger um Gefühle als vielmehr um die Verbesserung der Beziehungen der Russen zu christlichen Staaten: Byzanz war für die Rus ein wichtiger Handelspartner. Die gemeinsame Religion erschien Wladimir daher nützlich.

Er befahl die Zerstörung der Statuen heidnischer Götter in Kiew (damals Hauptstadt der Rus) und ließ sie in den Fluss Wolchow werfen. Die Menschen weinten und trauerten um ihre Götzenbilder, doch sie konnten nichts dagegen tun. Wladimir sandte Heerführer in die abgelegeneren und unabhängigeren Gebiete des Landes aus, um die Bevölkerung taufen zu lassen. So musste beispielsweise einer von ihnen, Dobrinja, in Nowgorod zahlreiche Gebäude niederbrennen, um die Bürger zur Taufe zu zwingen.

Starke Traditionen

Und so begann eine fast tausendjährige Zusammenarbeit zwischen den russischen Herrschern und der orthodoxen Kirche – die Religion wurde gefördert, die Priester unterstützt. Erst mit der Machtergreifung der Bolschewiki 1917 und ihrem Versuch, Russland in einen atheistischen Staat zu verwandeln, wurde die Religion verboten und der Klerus (zumindest zu Beginn ihrer Herrschaft) vernichtet. Später wurde die Politik weniger feindselig, doch das Beten und der Kirchgang blieben in der UdSSR bis Ende der 1980er-Jahre verpönt.

Seit dem Zerfall der UdSSR erlebt die Orthodoxie eine Renaissance und ist laut offizieller Statistik recht populär. Priester und Soziologen weisen jedoch darauf hin, dass viele derjenigen, die sich als orthodox bezeichnen, nicht fasten oder regelmäßig die Kirche besuchen (79 % bzw. 63 % laut einer Umfrage von 2014). Für sie ist Religion lediglich ein Symbol, ein Identitätsmerkmal.

„Der Glaube durchdringt nicht unser Leben, unser alltägliches Verhalten“, sagte Sergei Krawez, Leiter des Zentrums für orthodoxe Enzyklopädie. Vermutlich wäre Fürst Wladimir enttäuscht. Oder vielleicht auch nicht.