GW2RU
☰
GW2RU
✕

Ein neuronales Netz hat Nikolai Gogols „Die toten Seelen“ zu Ende geschrieben. Was kam dabei heraus?

Open AI
Ein Buch mit dem Titel „Tote Seelen: Zweiter Band – Wiedergeburt“, geschrieben von GigaChat, ist auf Russisch erschienen.

Das neuronale Netzwerk „GigaChat“ erstellte 350 Textseiten und 21 Illustrationen im Stil des Künstlers Alexander Agin, der die erste Ausgabe von Nikolai Gogols Buch illustrierte. Die Entwurfsmanuskripte von Gogols zweitem Band „Tote Seelen“ wurden bewusst nicht verwendet, aber es scheint, dass sie das Gesamtkonzept, den Protagonisten auf den Weg der Tugend zu führen, nicht aufgegeben haben.

Wie Gogol „Die toten Seelen“ verbrannte

Nikolai Gogol (1809–1852) konzipierte „Die toten Seelen“ als eine Trilogie, in Anlehnung an Dantes „Göttliche Komödie“. Der erste Band, der 1842 erschien, war ein Schelmenroman in Form einer Reiseerzählung. Ein Abenteurer namens Pawel Tschitschikow reist durch Russland und kauft Gutsbesitzern „tote Seelen“ ab – verstorbene Bauern, die in Dokumenten noch als lebend geführt wurden –, um diese als Sicherheit für die Beschaffung von Geldmitteln zu nutzen. Der zweite Band sollte für den Protagonisten als eine Art Fegefeuer dienen; der Autor wollte darin dessen Weg zu einer moralischen Wiedergeburt schildern. Der dritte Band war schließlich dazu gedacht, seine endgültige Wandlung zu beschreiben. Diese Pläne wurden jedoch nie verwirklicht.

Gogol veranschlagte zwei Jahre für das Schreiben des zweiten Bandes, arbeitete jedoch letztlich über zehn Jahre daran. Er schrieb langsam und mühsam, überarbeitete Kapitel immer wieder und las sie Freunden sowie geistlichen Mentoren vor. Der Autor wollte, dass das Buch den Leser zu christlichen Wahrheiten hinführt. Doch je länger er daran arbeitete, desto deutlicher wurde, dass der Schurke und Betrüger Tschitschikow weder den Wunsch noch die Absicht hegte, sich in einen tugendhaften Helden zu verwandeln.

Tretjakow-Galerie

Im Jahr 1845 verbrannte er das Manuskript zum ersten Mal. Gogol hatte das Gefühl, dass der Inhalt des Bandes nicht seiner ursprünglichen Vision entsprach, und in einem emotionalen Ausbruch vernichtete er das Manuskript. Bis 1852 war eine neue Fassung des Romans nahezu fertiggestellt. Doch in der Nacht zum 24. Februar weckte der schwer kranke Gogol seinen Diener, wies ihn an, den Ofen zu schüren, und ließ sich eine Aktentasche mit seinen Notizbüchern bringen. Und wieder einmal warf er das Manuskript ins Feuer. Der Schriftsteller verbrachte die folgenden Tage in einem Zustand des Deliriums, kurz darauf verstarb er.

Die Erklärungen dafür, warum Gogol sich dazu entschloss, sein Werk zu vernichten, reichen von der versehentlichen Verwechslung der Reinschrift mit Entwürfen bis hin zu einer schweren Depression. Nach dem Tod des Schriftstellers wurden unter seinen Unterlagen fünf Kapitel des zweiten Bandes entdeckt. Ein Freund Gogols, der Kritiker Stepan Schewyrjow, übertrug diese Texte, und sie wurden 1855 veröffentlicht. Diese erhalten gebliebenen Kapitel sind alles, was von der von ihm geplanten Trilogie übrig geblieben ist.

Wie „Sber“ und GigaChat den zweiten Band von „Die toten Seelen“ „vollendeten“

Im Jahr 2024 beschloss „Sber“, sein neuronales Netz „GigaChat“ einzusetzen, um eine Version des zweiten Bandes von „Die toten Seelen“ zu erstellen. Dabei ging es nicht darum, den verstorbenen klassischen Autor wieder zum Leben zu erwecken, sondern das neuronale Netz darauf zu trainieren, ein umfangreiches literarisches Werk zu verfassen – und natürlich auch darum, die Aufmerksamkeit auf Gogols Vermächtnis zu lenken.

Das Projekt wurde von dem Schriftsteller Wladislaw Otroschenko, dem Autor des Buches „Gogoliana“, geleitet. Zum Team gehörten Historiker, Literaturwissenschaftler, Linguisten, Ingenieure und Schriftsteller. Laut Otroschenko ähnelte der Prozess der Filmproduktion: Zunächst erstellten sie ein „Drehbuch mit detaillierter Einstellungsvorgabe“ und wandelten die Szenen anschließend in Prompts für das neuronale Netz um.

Wjatscheslaw Prokofjew / TASS

Doch bevor die Arbeit begann, wurde „GigaChat“ mit dem Gesamtwerk Gogols – einschließlich Briefen, Entwürfen und Notizbüchern – sowie mit Texten von Puschkin, Dostojewski, Turgenew und anderen russischen Klassikern, philosophischen Abhandlungen und der Bibel trainiert. Sein Briefwechsel mit Gräfin Anna Wielgorskaja erwies sich als besonders wertvoll für den romantischen Nebenstrang des Romans, da Gogol in sie verliebt war und ihr sogar einen Heiratsantrag machte; sein Briefwechsel mit Alexander Danilewski – einem Schulkameraden und Freund – lieferte hingegen den lockeren, spielerischen Tonfall. Zudem wurden Bücher, die Gogol während der Arbeit am zweiten Band gelesen hatte, sowie Reproduktionen seiner Lieblingsgemälde in das System eingespeist.

Die Ergebnisse wurden anhand mehrerer Kriterien bewertet: lexikalische Vielfalt, Verwendung von Archaismen, das Groteske sowie die Flüssigkeit der Dialoge. Experten überprüften jeden Abschnitt, um sicherzustellen, dass das neuronale Netz „semantische Bilder mit neuen Bedeutungen schuf, anstatt lediglich vorhandene Texte von Gogol zusammenzustellen“. Das Team räumte ein, dass das neuronale Netz zunächst Texte produzierte, die nicht ihrer Vorstellung entsprachen, und oft Überarbeitungen erforderlich machte. Schließlich jedoch „fand es seine Stimme“ und überraschte die Fachleute sogar mit seinem Sinn für Humor beim Schreiben der Dialoge.

Das Resultat

Der Hauptunterschied zwischen diesem neuen Band und Gogols erhaltenen Entwürfen liegt im Umgang mit Tschitschikows Schicksal. Gogol hatte vorgehabt, seinen Protagonisten zu „erlösen“, während das Team bewusst einen anderen Weg wählte. Das Konzept der „Wiedergeburt“ beruht auf der Prämisse, dass Tschitschikow nicht plötzlich tugendhaft wird und weiterhin nach wenig ehrlichen Methoden sucht, Geld zu verdienen.

Er setzt seine Reisen durch Russland fort und begegnet dabei neuen Gutsbesitzern und Beamten. So kommt Tschitschikow etwa in einer südrussischen Stadt an und besucht das Gut der Gutsbesitzerin Bachwalowa – eine Witwe, umgeben von heiratsfähigen Töchtern, in eine von denen sich der Protagonist beinahe verliebt. Der Roman bewahrt zudem die für Gogol typischen grotesken und absurden Elemente: In einer Episode – die von einem neuronalen Netz generiert wurde – kommt ein Traum vor, in dem fischartige Beamte auftreten und ein Verhör in ein Whist-Spiel übergeht.

Ein neuronales Netz kann nicht denken, aber es kann imitieren. Folglich enthält der Text direkte Anspielungen auf den ersten Band der „Toten Seelen“ – von dem Zitat aus dem Testament von Tschitschikows Vater über das „Hüten jedes Pfennigs“ bis hin zu Charakterzügen von Gutsbesitzern, die an Pljuschkin, Manilow oder Sobakewitsch erinnern. Der zweite Band enthält zudem ausgedehnte lyrische Abschweifungen – über weiblichen Reiz, aufgeklärte Leser, den russischen Charakter und die Weite der russischen Seele, die Praxis der Denunziation im alten Russland und das Wesen lebendiger und toter Seelen.

Gemeinfrei

Es gibt auch Anspielungen auf andere Werke Gogols. Die Beschreibungen der Festmähler scheinen aus „Gutsbesitzer aus alter Zeit“ zu stammen, während die Charakterskizzen auf „Die Nase“, „Die Heirat“ oder „Der Revisor“ hindeuten. Hier und da erhascht man einen Blick auf „die Lider des Wij“ oder eine Wendung aus „Der Mantel“. Es gibt auch umfangreichere Entlehnungen. Das Motiv des Doppelgängers – Tschitschikow hat in dem Roman nicht weniger als zwei Doppelgänger – wird von einem Gogol vertrauten Thema zu etwas ausgebaut, das an Dostojewskis Ausmaße heranreicht. Manche Figuren nehmen sogar Züge an, die an Don Quijote oder Hercule Poirot erinnern.

Besonders hervorzuheben ist die Vielfalt der Genres. Während der erste Band von „Die toten Seelen“ Einschübe und Kurzgeschichten enthielt, die den – einem Schelmenroman ähnlichen – Handlungsverlauf nicht weiter beeinflussten, gleicht „Wiedergeburt“ in dieser Hinsicht einem Flickenteppich: Mal ist es ein Kriminalroman, mal eine Liebesgeschichte, mal eine Verwechslungskomödie und manchmal sogar eine Phantasmagorie.

Obwohl Otroschenko erklärt hat, er wolle Tschitschikow nicht umgestalten, hat der Held dennoch eine Metamorphose durchlaufen. Der verschlossene und nach außen hin stets gelassene Charakter blieb im ersten Band zurück. Der neue Tschitschikow ist nicht nur zu Betrügereien fähig, sondern zeigt sich auch von einer anderen Seite: Er kann unhöflich sein, derbe Witze reißen, sich verlieben und sogar von Gerechtigkeit träumen. Es besteht also eine gewisse Chance, dass der Schelm den Pfad der Tugend einschlägt, sollte das Projekt fortgesetzt werden.