Sergei Dowlatow: Der russische Schriftsteller, nach dem eine Straße in New York benannt ist

Kira Lissizkaja (Foto: Robert R. McElroy, sansara / Getty Images; OpenAI)
Kira Lissizkaja (Foto: Robert R. McElroy, sansara / Getty Images; OpenAI)
Seine Werke wurden in der UdSSR nie veröffentlicht; seinen Erfolg als Schriftsteller erzielte er ausgerechnet in den Vereinigten Staaten. Dennoch ist sein gesamtes Schaffen untrennbar mit Russland und dem russischen Leben verbunden, das er mit Humor und subtiler Ironie darstellte.

Der „Sergei Dovlatov Way“ entstand 2014 im New Yorker Stadtbezirk Queens. In dieser Straße hatte der russische Schriftsteller zehn Jahre lang gelebt.

Sergei Dowlatows Weg zum Ruhm war nicht einfach. Im Gegensatz zu seinem Freund, dem Dichter Iossif Brodski, der faktisch aus der UdSSR vertrieben wurde, verließ Dowlatow das Land 1979 aus freien Stücken. In der Sowjetunion wurden seine Werke aus ideologischen Gründen schlichtweg nicht veröffentlicht, und es wurde zunehmend schwieriger, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

Doch anders als viele Emigranten beherrschte Dowlatow das Englische gut und liebte amerikanischen Jazz sowie die amerikanische Literatur – Hemingway, Vonnegut, Faulkner und andere. Er musste nicht als Taxifahrer oder in einer Wäscherei arbeiten, wie es bei vielen anderen der Fall war. In den USA verfügte er bereits über einen Freundeskreis und Kontakte zur russischsprachigen Exilpresse; zudem wurde er umgehend Chefredakteur der russischsprachigen Zeitung „The New American“. Auch seine Frau und seine Tochter waren bereits zuvor ausgereist und hatten sich in New York gut eingelebt – ein Umstand, der maßgeblich zu seiner eigenen Entscheidung zur Emigration beigetragen hatte.

Zudem pflegte er Freundschaften zu Verlegern vor Ort: Carl und Ellendea Proffer, den Inhabern von „Ardis Publishing“, einem Verlag, der die Werke der meisten russischen Dissidenten herausbrachte, deren Publikation von der sowjetischen Zensur untersagt worden war. Sie waren es, die in den 1980er Jahren den Großteil von Dowlatows Büchern druckten, während diese in seiner Heimat erst in den 1990er Jahren veröffentlicht wurden.

W. Kljutschik / Familienarchiv von Sergei Dowlatow / russiainphoto.ru Der Schriftsteller Sergei Dowlatow. Hinter dem Schriftsteller das ehemalige Tallinner Druckereigebäude, in dem sich die Redaktion von „Sowjetskaja Estonija“ („Sowjetisches Estland“) befand.
W. Kljutschik / Familienarchiv von Sergei Dowlatow / russiainphoto.ru

Die Irrfahrten eines sowjetischen Intellektuellen

Sergei Dowlatow wurde 1941 in Ufa geboren, wohin seine Eltern während des Zweiten Weltkriegs aus Leningrad (heute St. Petersburg) evakuiert worden waren. 1944 kehrte die Familie zurück.

Dowlatow stand Dichtern aus Leningrad stets nahe und bewegte sich in literarischen Kreisen. Er studierte zunächst Philologie (wurde jedoch exmatrikuliert) und anschließend Journalistik. Doch das Schicksal und die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bescherten ihm allerlei Abenteuer – und all diese flossen in sein literarisches Schaffen ein.

V. Kljutschik/Familienarchiv von Sergei Dowlatow/russiainphoto.ru Dowlatow in den frühen 1970er Jahren
V. Kljutschik/Familienarchiv von Sergei Dowlatow/russiainphoto.ru
  • Er leistete seinen Wehrdienst als Wachsoldat in einem Straflager ab. So entstand das Buch „Die Zone: Aufzeichnungen eines Lagerwächters“ – eines der stärksten und eindrucksvollsten Werke seines literarischen Vermächtnisses.
  • Mehrere Jahre lang lebte Dowlatow im sowjetischen Estland und arbeitete als Korrespondent für Lokalzeitungen (und – unerwarteterweise – auch als Heizer). Diese Erfahrungen verarbeitete er in der tragikomischen Erzählsammlung „Der Kompromiss“.
  • Seine Tätigkeit als Fremdenführer im Puschkin-Museumsreservat wiederum spiegelte sich in dem Roman „Sapowednik“ wider.
  • In der Erzählsammlung „Der Koffer“ packt der Autor schließlich buchstäblich einen Koffer für die Reise nach Nordamerika und nimmt nur das Nötigste mit – und zu jedem dieser Gegenstände weiß er eine Geschichte zu erzählen.

Das zentrale Thema aller Werke Dowlatows ist das tragikomische Leben des Sowjetmenschen, der sich in einem totalitären System durchzuschlagen hatte. Das Lachen unter Tränen ist das eigentliche Geheimnis der Beliebtheit seiner Geschichten. Viele erkannten sich in diesen Schilderungen sofort wieder – sei es bei der illegalen Jagd nach modischen Jeans oder bei der Ausführung sinnloser Anweisungen der Parteiführung.

Legion Media Sankt Petersburg, Russland – Denkmal für den berühmten russischen Journalisten und Schriftsteller Sergei Dowlatow in der Rubinstein-Straße.
Legion Media

Große Dinge erkennt man aus der Ferne

Viele berühmte und sogar bedeutende russische Schriftsteller wirkten im Ausland – um nur einige zu nennen: Nikolai Gogol, Iwan Turgenew, Maxim Gorki und Iossif Brodski. Es kursierte sogar der Witz, die Heimat lasse sich aus der Ferne besser betrachten. Auch Dowlatow reihte sich in diese Riege ein. Mehr noch: Er wurde erst in der Emigration zu einem berühmten Schriftsteller. Zudem war er nach Wladimir Nabokow der erste russische Autor, dessen Erzählungen in der renommierten Zeitschrift „The New Yorker“ veröffentlicht wurden.

Robert R. McElroy / Getty Images Russischer Journalist und Schriftsteller Sergei Donatowitsch Dowlatow-Metschik, New York City, 10. April 1989.
Robert R. McElroy / Getty Images

Dowlatow schrieb ausschließlich auf Russisch, arbeitete jedoch eng mit fähigen Übersetzern zusammen. Ihn zu übersetzen, war keine leichte Aufgabe. Als Meister der kurzen Form beherrschte er die Sprache meisterhaft und schuf einzigartige Bilder und Dialoge; durch die Sprache seiner Figuren – die Aufschluss über deren sozialen Status, Bildung und Herkunft gab – ließ er deren Persönlichkeit lebendig werden.

Mehrere Übersetzer versuchten sich an einem seiner besten Bücher, „Sapowednik“, doch letztlich gelang es seiner Tochter, das Werk zu übersetzen.

Nostalgie als Lebensstil

Trotz all seiner Erfolge war Dowlatows Seele voller Sehnsucht. Nach Leningrad, wo er jeden Winkel kannte, nach seinem Dichterkreis, nach seinem alten Leben.

„Es gab viele Vermutungen und Spekulationen über die ‚Tragödie‘ im Leben meines Vaters – das Fernsein von der Heimat, die Nostalgie … Nostalgie ist ein Gefühl, das die meisten Menschen kennen. Und dabei geht es weniger um die Sehnsucht nach einem Ort als vielmehr um die Sehnsucht nach einer Zeit. Je älter wir werden, desto mehr wenden wir uns unseren Erinnerungen zu und trauern der verlorenen Zeit nach“, sagte seine Tochter Katerina.

Dowlatow starb 1990 an Herzversagen; er erlebte nicht mehr, wie seine Bücher in seiner Heimat endlich veröffentlicht wurden, wie er zum Klassiker avancierte und wie sein Werk in den Literaturlehrplan der Schulen aufgenommen wurde.