Palech: alles, was Sie über Lackminiaturen wissen müssen
Dank seiner günstigen Lage im Fürstentum Wladimir-Susdal entwickelte sich in Palech bis zum 17. Jahrhundert eine eigene Schule der Ikonenmalerei, die Einflüsse gleich mehrerer Traditionen in sich vereinte: der Nowgoroder, Stroganower, Moskauer, Jaroslawler und Schujanischen Schule. Das alte Zentrum der Ikonenmalerei, die Stadt Schuja, liegt nur 30 Kilometer von Palech entfernt. Im heutigen Russland gehören sowohl Palech als auch Schuja zur Region Iwanowo.
„Wir sind davon überzeugt, dass die Ikonenmalerei aus Schuja einen sehr starken Einfluss auf die Palech-Malerei hatte. Die Grundlage dieses Kunsthandwerks bildet jedoch trotz all dieser Einflüsse natürlich der Stroganow-Stil [benannt nach den wohlhabenden Salzhändlern Stroganow, da er sich besonders deutlich in zahlreichen mit ihrem Namen verbundenen Kunstwerken zeigte]“, sagt die Künstlerin Swetlana Schtschirowa, Leiterin des Palecher Künstlerverbands.
„Die Palech-Künstler vereinten viele verschiedene Stile, weil sie viel unterwegs waren. Sie reisten nach Moskau, um den Facettenpalast im Moskauer Kreml und das Neujungfrauenkloster zu bemalen und zu restaurieren, sowie zur Dreifaltigkeits-Sergius-Lawra. Sie reisten nach Sankt Petersburg und in den Ural und erhielten Aufträge für kostbare Ikonen. Man rief sie, und manchmal wurden sie sogar dazu verpflichtet oder beauftragt, zu kommen.“
Dies setzte sich über mehrere Jahrhunderte fort, bis die Bewohner von Palech nach der Oktoberrevolution von 1917 vor einer schwierigen Entscheidung standen: Sollten sie ihre Tradition der Ikonenmalerei aufgeben oder sich an die neuen Bedingungen anpassen, in denen alles, was mit dem orthodoxen Christentum verbunden war, beseitigt wurde?
„Die Künstler wussten einfach nicht, was sie mit sich anfangen sollten“, erklärt Swetlana Schtschirowa. „Nach der Revolution gab es für sie nichts mehr zu tun. Im Sommer pflügten sie die Felder, im Winter malten sie.“
Sie probierten vieles aus, unter anderem die Malerei auf Holz, entschieden sich letztlich jedoch für die Fedoskino-Lackminiaturmalerei auf Pappmaché mit schwarzem Hintergrund. An die Stelle religiöser Motive traten weltliche Themen:
„Die Fedoskino-Malerei auf Schatullen spielte dabei eine wichtige Rolle. Die Traditionen des 17. Jahrhunderts blieben in diesem Kunsthandwerk erhalten: Wenn beispielsweise Bäume auf einer Schatulle dargestellt wurden, waren sie aufgrund ihrer Form, der dünnen Farbschicht und der Verwendung von Gold so gemalt, als wären sie auf einer Ikone.“
So blieb die jahrhundertealte Tradition der Ikonenmalerei in Kunstwerken erhalten, die um ein Vielfaches kleiner waren. Die Sowjetunion exportierte diese Kunstwerke anschließend ins Ausland.
Palecher Ikonen zeichneten sich durch einen eleganten, feinen Malstil, detailreiche Darstellungen, einen reichen Einsatz von Gold und transparente, leuchtende Farben aus. Das handwerkliche Können wurde von Generation zu Generation, vom Vater auf den Sohn, weitergegeben. Bekannt war die Palecher Ikonenmalerei für ihre „kleinen“ Werke – kleine Ikonen, auf denen mehrere Szenen dargestellt wurden. Auch dies spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Palecher Ikonenmalerei zur Palecher Lackminiatur.
Iwan Golikow, einer der erblichen Palecher Ikonenmaler, kehrte nach der Revolution aus dem Ersten Weltkrieg zurück und fand sich in einem Land wieder, in dem es keinen Platz mehr für Ikonen gab. Er arbeitete zunächst an Theaterkulissen und Requisiten. 1921 bemalte er schließlich seine erste Schatulle aus Pappmaché.
Sein Stil begeisterte die Leitung des Moskauer Museums für Dekorative Kunst sowie den Kunsthistoriker Alexander Bakuschinski. Mit ihrer Unterstützung gründete er 1924 die Künstlergenossenschaft für altrussische Malerei. Beispiele dieses neuen russischen Kunsthandwerks wurden anschließend auf internationalen Ausstellungen in Italien und Frankreich präsentiert.
„Nach dem großen Erfolg auf den italienischen Ausstellungen kam alles in Bewegung. Der Staat steuerte den gesamten Prozess und wurde zum Auftraggeber, doch fast alles wurde nach Amerika verkauft – 99 Prozent der Miniaturen wurden ins Ausland exportiert und dabei an die Vorlieben ausländischer Käufer angepasst. Die Themen blieben russisch, die Motive stammten aus Märchen und Bylinen oder waren teilweise eindeutig sowjetisch und propagandistisch“, sagt Swetlana Schtschirowa.
Wolfszähne und im Laden gekaufte Eier
Der Herstellungsprozess einer Palecher Miniatur ist komplex und äußerst arbeitsintensiv. Jedes Stück – sei es eine Schatulle, eine Brosche, eine Haarspange oder ein Nadelkästchen – ist klein und mit großer Detailgenauigkeit bemalt. Allein die Herstellung der Pappmaché-Rohlinge kann bis zu sechs Monate dauern. Der Karton wird mehrfach verarbeitet: Er wird verleimt, in kochendes Leinöl getaucht und anschließend in Öfen getrocknet. Am Ende wird der Rohling hart „wie Knochen“.
Anschließend wird er gespachtelt. Die Innenseite erhält einen roten, die Außenseite einen schwarzen Hintergrund. Danach wird der Rohling mit Alkydlack überzogen. Damit die Farben später leuchten, wird zunächst eine weiße Grundierung aufgetragen. Dann wird die Komposition gezeichnet – jeder Finger, jede Hand, jedes Auge – und erst danach folgt die eigentliche Bemalung.
Anschließend wird das Werk mit drei Lackschichten überzogen, mit Bimsstein poliert und mit Gold verziert. Damit das Gold glänzt, wird es mit Wolfszähnen oder alternativ mit Fuchszähnen poliert. Danach folgen noch sieben weitere Lackschichten.
„Jede einzelne Schicht wird in einem nicht zu heißen Ofen mindestens einen ganzen Tag lang getrocknet. Hundezähne eignen sich zum Polieren übrigens nicht“, lacht Schtschirowa.
5 Phasen der Bemalung der Schatulle „Winter“ von N. Tschaparin – von der weißen Grundierung bis zum fertigen Kunstwerk:
1. Vorbereitung mit Kalkfarbe
2. Malen
3. Detaillierung
4. Goldapplikation
5. Fertiggestelltes Werk „Winter“ von N.V. Tschaparin
Auch die Farben sind speziell und ähneln denen der Ikonenmalerei: Es handelt sich um Temperafarben. Die Künstler stellen sie selbst her, indem sie Pigmente mit Eigelb und Essigwasser vermischen. „Das Pigmentpulver ist natürlichen Ursprungs. Ein chemisches Pigment würde an die Oberfläche treten, weil es dafür nicht geeignet ist. Das Eigelb darf nicht zu fett sein, deshalb eignen sich Eier aus eigener Haltung nicht – nur gekaufte Eier sind geeignet. Mit zu dickflüssigen Farben kann man ebenso wenig arbeiten wie mit zu dünnen. Die Künstler erkennen allein mit dem Auge, ob die richtige Konsistenz erreicht ist – eine Frage der Erfahrung. Reguliert wird sie mit Essigwasser, früher verwendete man dafür Kwas“, erklärt Schtschirowa.
Auch die Vorbereitung des Blattgolds, mit dem die Malerei verziert wird, ist aufwendig: Golddraht wird zu hauchdünnen Blättern ausgewalzt und anschließend auf die Schatulle aufgetragen. Alternativ wird Gold in Gummi Arabicum aufgelöst – dem Harz der Akazie.
„Das ist ein äußerst komplizierter Prozess. Die Feinheit des Malstils zeigt sich vor allem in der Fähigkeit, mit diesem aufgelösten Gold zu malen. Wahrscheinlich gibt es nirgendwo sonst auf der Welt Handwerker, die diese Technik beherrschen“, sagt die Künstlerin.
Auch die Pinsel werden bis heute ausschließlich von den Künstlern selbst hergestellt – aus Eichhörnchenhaar, wie Schtschirowa erklärt: „Diese Pinsel sind ganz anders als die aus dem Handel – ihre Spitze ist selbst unter einer Lupe kaum zu erkennen. Solche Pinsel braucht man, um mit Gold besonders fein malen zu können.“
Die Palecher Miniatur zeichnet sich nicht nur durch ihre goldenen Ornamente und die strengen traditionellen Regeln aus, sondern auch durch die Technik des hauchdünnen Farbauftrags. Schtschirowa beschreibt sie so:
„Wenn beispielsweise ein Zaun grün ist, dann ist er einfach grün. Bei einer Palecher Miniatur hingegen leuchtet das Grün und setzt sich aus mehreren Farbtönen zusammen. Unter dem Grün liegt zum Beispiel Gelb. Die Farbemulsionen werden in dünnen Schichten aufgetragen, sodass die Farben transparent wirken. Diese aufwendige Technik sorgt für das besondere Farbenspiel.“
Eine Kunst nicht für jedermann
Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Künstlergenossenschaft für altrussische Malerei in zwei Organisationen aufgeteilt: die „Künstlervereinigung von Palech“ und die „Palech-Gesellschaft“. Ihre Künstler widmen sich bis heute ausschließlich der Miniaturmalerei. Dennoch steht dieses Kunsthandwerk trotz staatlicher Unterstützung und des seit den 1930er-Jahren bestehenden Palecher Kunstkollegs am Rande des Aussterbens.
„Es fehlt an Nachwuchs und an der Weitergabe des Wissens“, erklärt Swetlana Schtschirowa, Leiterin des Künstlerverbands von Palech. „Die jungen Künstler arbeiten heute zu Hause und haben nicht mehr die Möglichkeit, voneinander zu lernen wie früher. Jemand macht seinen Abschluss am Kunstkolleg und versteht oft erst sieben Jahre später, warum die Farben in den Miniaturen so leuchten. Ich bin 59 Jahre alt, und keines der Kinder meiner damaligen Mitschüler ist Miniaturmaler geworden. Nach dem Abschluss am Kunstkolleg muss man noch viele Jahre intensiv lernen und üben, um mit einem haarfeinen Pinsel eine hochwertige Miniatur anzufertigen – eine Miniatur, die ein Sammler zu schätzen weiß und kaufen würde. Und obwohl das Kunstkolleg hier ursprünglich gegründet wurde, um Miniaturmaler auszubilden, scheint es diese Aufgabe heute nicht mehr zu erfüllen. Es gelingt ihm auch nicht, eine echte Begeisterung für die Miniaturmalerei zu vermitteln.“
Wie schon zu Sowjetzeiten war das Palecher Kunsthandwerk auch im heutigen Russland bis Februar 2022 vor allem auf den Export ausgerichtet: Sammler im Ausland warteten auf die einzigartigen Stücke, die sie als wahre Kunstwerke betrachteten. In Russland gibt es nur wenige Sammler, und Souvenirprodukte werden in diesem Kunsthandwerk nicht hergestellt.
„Die Palecher Kunst ist sehr komplex und einzigartig: Jedes Werk ist ein Unikat, Kopien gibt es nicht. Nur die Studenten des Kunstkollegs fertigen Kopien an, wenn sie lernen. Ein gewöhnlicher Mensch kann diese Kunst oft nicht verstehen: Warum ist sie so teuer? Warum gibt es diese Motive und diese Komposition? Warum ist der Hintergrund schwarz? Warum sind alle Figuren so langgezogen? Und vor allem: Warum gehen die künstlerischen Traditionen, die auf den Schatullen zu sehen sind, auf die Ikonenmalerei zurück?“, schildert Schtschirowa die Schwierigkeiten, mit denen dieses Kunsthandwerk konfrontiert ist.
Sie fügt hinzu, dass eine kleine Schatulle nicht weniger als 5.000 Rubel kosten könne – andernfalls handle es sich wahrscheinlich um eine Fälschung. Eine Miniatur sei schließlich kein Laib Brot, erklärt die Künstlerin: Von den 5.000 Rubeln bleiben einem Handwerker nach Abzug von Steuern, Stromkosten und Ausgaben für Rohmaterialien gerade einmal 1.000 Rubel. Dabei dauert allein die Bemalung einer Schatulle etwa eine Woche. Ein einzelnes Werk kann für 100.000 Rubel verkauft werden, doch das ist bereits der Preis für ein Kunstwerk eines verdienten Künstlers.
„Unser Verband verfügt über Werkstätten, in denen etwa 50 Künstler arbeiten. Wir versammeln dort auch alle jungen Künstler, aber es sind gerade einmal etwa zehn. Das Durchschnittsalter der übrigen liegt bei 65 Jahren. Die Künstlerdynastien gibt es zwar noch: Die jungen Menschen aus den Palecher Künstlerfamilien können von ihren Eltern Erfahrungen sammeln. Die anderen, die nach dem Kunstkolleg von zu Hause aus arbeiten, sehen ihre eigenen Fehler nicht und können keine Komposition richtig aufbauen – genau darin zeigt sich der beginnende Niedergang des Kunsthandwerks. Nach dem Kunstkolleg gehen viele dazu über, Kirchen oder Nägel zu bemalen. Damit verdient man mehr Geld. Bei der Arbeit in Kirchen gibt es große Flächen zu bemalen, und man muss nicht durch zwei Brillen und eine Lupe gleichzeitig schauen.“
Trotz all dieser Schwierigkeiten ist Swetlana Schtschirowa überzeugt, dass die Palecher Lackminiatur überleben wird. Sie erzählt, dass die Palecher Künstler mit Unterstützung des Staates begonnen haben, mit der Uhrenfabrik „Poljot“ zusammenzuarbeiten und Zifferblätter mit äußerst detailreichen Miniaturmalereien zu gestalten:
„Das ist eine Miniatur von einer Miniatur – selbst unter unseren Künstlern kann das nicht jeder. Die älteren Künstler können es inzwischen nicht mehr: Die Arbeit ist zu fein, und ihre Augen lassen das nicht mehr zu. Einige haben es einfach nicht geschafft – von ursprünglich 20 Künstlern sind nur noch zehn übrig. Aber Palech kann alles!“