Chochloma: alles, was Sie über das „goldene“ bemalte Geschirr wissen müssen
Eines Tages fütterte ein Bauer den Feuervogel. Aus Dankbarkeit verwandelte der Feuervogel eine gewöhnliche Holzschale in eine goldene. Der Legende nach entstand so eines der bekanntesten russischen Kunsthandwerke: Chochloma – für seine mit roten, schwarzen und goldenen Farben bemalten Holzgefäße bekannt.
Schöpfkelle in Form eines Hahns
Dieses traditionelle Kunsthandwerk ist mehr als 300 Jahre alt. Seinen Namen verdankt es einem der Orte, an denen es weit verbreitet war – dem Dorf Chochloma in der Region Nischni Nowgorod. Tatsächlich entstand der Malstil jedoch nicht in Chochloma selbst, sondern in Dutzenden Dörfern rund um Sawolschje (Transwolga-Gebiet östlich der Wolga) im heutigen Kowerninski-Bezirk der Region Nischni Nowgorod. Entlang des Flusses Usola lebten Tausende Menschen in Dörfern wie Bolschije Besdeli, Malyje Besdeli, Mokuschino, Chriaschtschi und Kowernino. Letzteres gilt als Geburtsort der Chochloma-Malerei – eine Tatsache, die auch im Wappen von Kowernino zum Ausdruck kommt. Später schlossen sich die Handwerker zu Artels (Handwerkervereinigungen) zusammen und stellten Gegenstände im Chochloma-Stil her. In Chochloma selbst gab es einen berühmten Markt, auf dem die Handwerker aus den umliegenden Dörfern ihre Erzeugnisse verkauften.
Faßförmiges Gefäß.
Ein interessanter Fakt: Das Wort „Chochloma“, das für Russischsprachige geläufig ist, wird tatsächlich mit der Betonung auf der ersten Silbe ausgesprochen. Das hat mit der Toponymie zu tun: Auch der Name des Dorfes Chochloma und des nahegelegenen Flusses Chochlomka wird auf der ersten Silbe betont. Daher lautet die richtige Aussprache: Chóchloma.
Bratina-Schale.
In den Haushalten vieler Russen findet man besonders häufig Löffel im Chochloma-Stil. Sie werden sorgsam aufbewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben. Später bekommen sie oft die Enkel, die schon im Kindergarten und in der Schule Musik machen und in Folkloreensembles mit zwei solchen Löffeln als Schlaginstrumenten musizieren.
Schale
Weitere häufig anzutreffende Gegenstände in den Vitrinen russischer Wohnungen sind geschliffene Glaswaren aus der Stadt Gus-Chrustalny in der Region Wladimir sowie bemalte Porzellanwaren aus Gschel, die, ähnlich wie Delfter Keramik, zu den Prunkstücken Russlands zählen. Das Geschirr aus Chochloma wird aus Holz gefertigt und ist heutzutage im Alltag kaum noch gebräuchlich.
Essgeschirr
Daher werden Chochloma-Erzeugnisse heute größtenteils als Souvenirs gekauft. Das bedauert einer der bekanntesten Meister der Chochloma-Malerei, der Volkskünstler Russlands Nikolai Guschtschin, der selbst aus einer Familie von Chochloma-Malern stammt. Dabei ist Chochloma-Geschirr im Gegensatz zu Porzellan unempfindlich gegenüber Temperaturschwankungen. Seine Bemalung bekommt selbst dann keine Risse, wenn das Geschirr im Gefrierschrank aufbewahrt wird – etwas, das man von Porzellan nicht behaupten kann. In die Mikrowelle sollte man Chochloma-Geschirr allerdings trotzdem nicht stellen: Aufgrund der besonderen Maltechnik würde es Funken schlagen, denn bei der Herstellung des Chochloma-Geschirrs kommen auch Metallbestandteile zum Einsatz.
Volkskünstler Russlands Nikolai Guschtschin.
Flüchtige Kunst
Die dichten Wälder und unwegsamen Sümpfe der Region Nowgorod dienten bereits seit der Zeit der alten Rus flüchtigen Bauern und Soldaten als Zufluchtsort. Ab dem 17. Jahrhundert, nach den Reformen des Patriarchen Nikon, begannen auch Altgläubige, dorthin zu fliehen. Patriarch Nikon reformierte die orthodoxe Liturgie und die kirchlichen Bücher, um sie an die damalige griechische Tradition anzupassen. Wer die Reformen nicht akzeptierte, wurde verfolgt oder verließ die Gebiete freiwillig. Die Anhänger des „alten Glaubens“ – die sogenannten Altgläubigen – suchten nach Orten, an denen sie unentdeckt bleiben konnten.
Handwerker des frühen 20. Jahrhunderts.
Sie brachten das Geheimnis der Vergoldung und Bemalung der ornamentalen Metallverkleidungen von Ikonen, der sogenannten Oklade, mit. Diese Technik wurde später auf die Bemalung von Geschirr übertragen. Auch Drechsler und Holzschnitzer siedelten sich dort an. „Das Land war karg“, erzählt Nikolai Guschtschin. „Im Winter mussten die Menschen sich mit etwas beschäftigen. Also verbrachten sie die langen, kalten Abende damit, etwas dazuzuverdienen und so den Lebensunterhalt der Familie aufzubessern.“
Handwerker des frühen 20. Jahrhunderts.
Holzgeschirr und Holzmöbel spielten eine zentrale Rolle im Alltag der Menschen in Russland. Im 19. Jahrhundert kam der sogenannte „russische Stil“ in Mode, und das Interesse an traditionellem Kunsthandwerk nahm stark zu. Auch Kaiserin Maria Fjodorowna wurde auf Chochloma aufmerksam. Chochloma-Geschirr wurde 1853 auf der Allrussischen Industrie- und Kunstausstellung in Moskau präsentiert und 1889 auf der Weltausstellung in Paris, wo es mit dem Grand Prix ausgezeichnet wurde. Seitdem erfreute es sich auch bei Ausländern großer Beliebtheit.
„Außerdem war dieses Geschirr für sie nicht teuer“, erklärt Guschtschin. „Auf anderen Messen oder in ihren Heimatländern konnten sie es mit gutem Gewinn weiterverkaufen.“ Nur etwa hundert Kilometer vom Chochloma-Markt entfernt lag Nischni Nowgorod mit seiner Messe, der größten im zaristischen Russland, sowie die Wolga, die wichtigste Handelsader der Transwolga-Region. Von dort aus brachten Händler das Chochloma-Geschirr in alle Teile Russlands und über Archangelsk sogar ins Ausland.
Das Geheimnis der Vergoldung
Neben der Geschichte vom Feuervogel, der eine Holzschale in eine goldene verwandelte, gibt es noch eine weitere Legende über die Entstehung der Chochloma-Malerei. Der Ikonenmaler Andrej Loskut soll tief in die Wälder geflohen sein, um den Reformen des Patriarchen Nikon zu entgehen, und dort Geschirr „nach alter Art“ bemalt haben. Als Soldaten ausgesandt wurden, um ihn zu finden, soll Loskut seine Hütte angezündet haben und gemeinsam mit ihr verbrannt sein. Der Legende nach erinnert das „feurige“ Muster aus Gold und Rot, das auf dem schwarzen Geschirr flackert, an diese Geschichte.
Schale
Der Chochloma-Meister Nikolai Guschtschin steht den Legenden eher skeptisch gegenüber. „Das sind alles Märchen, die das Interesse an diesem Kunsthandwerk wecken sollen“, sagt er. Tatsächlich lassen sich die Farbgebung und die floralen Motive der Chochloma-Malerei vollständig durch die Beobachtungsgabe der Handwerker, die Natur ihrer Umgebung und die besonderen Techniken bei der Herstellung des Holzgeschirrs erklären. „Schwarz, Rot und Gold sind die Hauptfarben der Chochloma-Malerei. Hinzu kommen Gelb, Orange, Grün und Braun. Vom Grün gab es mehrere Farbtöne. Diese Farbpalette entwickelte sich über viele Jahrzehnte“, erklärt Nikolai Guschtschin.
„Das Geschirr wurde im Ofen gehärtet. In der Farbpalette blieben nur diejenigen Ölfarben erhalten, die durch das Brennen ihre Farbe nicht verloren. Heute sprechen wir vom ‚schwarzen Hintergrund‘, aber als Kind nannten wir ihn immer ‚schwarze Erde‘ – oder ‚rote Erde‘, wenn die Malerei auf einem roten Hintergrund ausgeführt war. Die Muster orientierten sich an volkstümlichen Motiven: Die Menschen in unserer Gegend beobachteten die Natur. Sie sahen, wie ein Schneeglöckchen blüht, wie die Vogelbeeren reifen, wie sich ein Johannisbeerblatt entfaltet und die Beeren zum Vorschein kommen. Beobachtungsgabe, ein Bewusstsein für die Welt und die eigene Umgebung – all das prägte die Maltechnik. Sie lernten von der Natur.“
Fassförmiges Gefäß
Und das wichtigste „Geheimnis“ der Chochloma-Malerei besteht darin, dass bei ihrer Herstellung niemals Gold verwendet wurde – weder echtes Gold noch goldfarbene Farbe. Ursprünglich verwendeten die Handwerker Silber und später Zinn, um den charakteristischen warmen Glanz zu erzeugen. Das Geschirr war teuer, und Zinn konnte sich nicht jeder leisten. Deshalb wurden die Gegenstände nicht vollständig mit Zinn überzogen. Es wurde nur auf jene Stellen aufgetragen, die später wie Gold aussehen sollten. Solches Geschirr wurde häufig bei Festmahlen der Oberschicht verwendet. Auch Klöster bestellten derart „goldenes“ Geschirr bei den Handwerkern in den Dörfern und übernahmen die Kosten für das teure Zinn. Heute wird für die Herstellung von Chochloma-Geschirr Aluminiumpulver verwendet.
Arbeiterin in der Fabrik Chochloma
Um ein Chochloma-Erzeugnis herzustellen, beginnt man mit dem sogenannten „Schlagen der Klötze“ (bit’ bakluschi) – einer russischen Redewendung, die auch „Däumchen drehen“ oder „nichts tun“ bedeutet. Dabei werden grobe Holzrohlinge in das Spannfutter einer Drehbank eingespannt. Deshalb sind die Gegenstände auch meist rund: Sie werden auf der Drehbank gefertigt. Nachdem der Rohling seine Form erhalten hat, wird das weiße Zwischenprodukt – der sogenannte „weiße Rohling“ – grundiert. Dadurch werden die Poren des Holzes verschlossen und verhindert, dass es die für die Metallbeschichtung verwendeten Bestandteile aufnimmt.
Die Grundierung wird mit grobem Stoff poliert und anschließend mit mehreren Schichten gekochtem Leinöl überzogen. Sobald das Halbfertigprodukt getrocknet ist und nur noch leicht klebrig ist – also gerade so, dass es ein wenig an der Hand haftet –, wird Aluminiumpulver eingerieben. Danach kann das Werkstück bemalt werden. „Wenn wir das Werkstück anschließend lackieren und im Ofen aushärten, schimmert das Aluminium durch die gelbliche Lackschicht hindurch und verleiht ihr einen warmen, honigfarbenen, goldenen Glanz“, erklärt Nikolai Guschtschin.
Arbeiterin in der Fabrik Chochloma
Bei der Chochloma-Malerei gibt es zwei grundlegende Techniken: die Hintergrundmalerei und die Malmethode auf der Oberfläche. „Bei der Oberflächenmalerei verwenden wir freie Pinselstriche, um die Oberfläche des Gegenstands direkt auf dem goldfarbenen Untergrund zu verzieren“, erklärt der Meister. Die Hintergrundmalerei wiederum wird in zwei Varianten unterteilt: die eigentliche Hintergrundmalerei und die sogenannte „Kudrina“. Der Name leitet sich vom russischen Wort kudrjawy ab, das „lockig“ oder „verschnörkelt“ bedeutet. Charakteristisch für diese Technik sind stilisierte, geschwungene Ornamente. „Zunächst werden die Konturen des Musters mit einem feinen Pinsel auf den Gegenstand aufgetragen. Anschließend wird der Hintergrund rund um das Muster mit schwarzer oder roter Farbe ausgefüllt. So bleibt das Gold nur an den Stellen sichtbar, die innerhalb des Musters ausgespart wurden.“
Chochloma damals und heute
Die Handwerker von Chochloma gaben ihr Wissen von Generation zu Generation weiter. Die Familien in den Dörfern waren immer groß. Nur einige wenige gingen in die Städte. Zu Sowjetzeiten begannen die Mädchen nach der 8. Klasse eine künstlerische Ausbildung, und die Jungen erlernten das Dreher- oder Tischlerhandwerk, bevor sie zu Armee gingen. Jetzt ist die Situation anders: Niemand kehrt aus der Stadt in die Dörfer zurück.
Die Chochloma-Maler gaben ihr Können von Generation zu Generation weiter und bildeten junge Menschen nach der sogenannten „Lehrlingsausbildung“ aus: Drei oder vier Lehrlinge wurden jeweils einem erfahrenen Meister zugeteilt. Die Familien in den Dörfern waren stets groß. Nur wenige zogen in die Städte. In der Sowjetzeit begannen Mädchen nach der achten Schulklasse eine künstlerische Ausbildung, während Jungen vor ihrem Wehrdienst Drechsler oder Schreiner wurden. Heute ist die Situation anders: Die Menschen kehren nicht mehr von den Städten in die Dörfer zurück.
Semjonow-Schule von Chochloma
Im 20. Jahrhundert wurden in Kowernino und im benachbarten Semjonow, durch das eine Eisenbahnlinie verlief, Produktionsstätten errichtet. In Semjonow wurde eine Malschule eröffnet, die heute eine Fachschule ist. Heute gilt Semjonow als das „zweite Zuhause“ der Chochloma-Malerei. Während von der Fabrik in Kowernino nur noch eine Chochloma-Werkstatt im Dorf Suchonoska und eine Fabrik für Tonspielzeug geblieben sind, ist die Fabrik in Semjonow vollständig auf die Herstellung von Chochloma-Erzeugnissen spezialisiert. Allerdings werden dort längst nicht mehr nur traditionelle Produkte hergestellt. Angeboten werden auch Souvenirartikel in den unterschiedlichsten Farben: hellblaue Samoware oder grau-rosa Schalen, die nur aus der Entfernung an echtes Chochloma erinnern.
„Wenn wir heute Gegenstände in Weiß, Violett, Dunkelblau oder Rosa sehen, wissen wir sofort, dass es sich um Fälschungen handelt, ohne überhaupt prüfen zu müssen, wie sie sich im Alltag verwenden lassen“, sagt Nikolai Guschtschin. „Diese Erzeugnisse wurden nicht im Ofen gehärtet. Es handelt sich lediglich um Acrylfarben, die mit Acryllack überzogen wurden. Beim Brennen im Ofen würden die Farben zerstört werden.“
Materialien zu den Arbeiten an Chochloma
Das Prestige der Chochloma-Malerei wurde in den 2000er-Jahren stark beschädigt, beklagt er. „Jeder versuchte, mit Souvenirs Geld zu verdienen, und bemalte dunkelblaue Totenköpfe im Chochloma-Stil“, erzählt er. „Die Farben drangen durch die Lackschicht und färbten die Hände ab, und die Farbe blätterte ab, weil die Gegenstände nicht richtig grundiert worden waren. Gleichzeitig wurde die traditionelle Chochloma-Malerei weiterhin auf dem gesamten Sortiment an bemaltem Geschirr für den täglichen Gebrauch angewendet – genau wie früher … Damit die Menschen traditionelles Kunsthandwerk zu schätzen lernen, muss man ihnen die Arbeit der Meister näherbringen, Meisterkurse anbieten, bei denen nicht mit billigen und vereinfachten Methoden, sondern mit den alten Techniken gearbeitet wird, Ausstellungen veranstalten und die Verbraucher aufklären. Ich gehe in ein Geschäft und bin erstaunt, und der Verkäufer sagt mir: ‚Die Leute kaufen doch alle die blauen Totenköpfe.‘ Natürlich kaufen die Menschen das, was man ihnen anbietet. Aber unsere Aufgabe ist es, den Menschen guten Geschmack zu vermitteln“, sagt Nikolai Guschtschin überzeugt.
Der Volkskünstler Russlands Nikolai Guschtschin bei einer Meisterklasse