Hatten die Slawen vor der Erfindung des kyrillischen Alphabets eine Schrift?
Heute sind nur noch sehr wenige Dokumente bekannt, die die slawische Schrift vor der Einführung des kyrillischen Alphabets erwähnen. Wissenschaftler konnten bisher lediglich seltene Berichte ausländischer Reisender über die slawische Schrift, Hinweise auf bestimmte schriftliche Verträge zwischen slawischen Stämmen und Byzanz sowie seltene Haushaltsgegenstände mit nicht entzifferbaren Symbolen ausfindig machen.
Die im 10. Jahrhundert vom bulgarischen Mönch Chrabr verfasste „Über die Buchstaben“ (russ. „Сказание о письменах“) besagt: „Früher besaßen die Slawen keine Buchstaben, sondern lasen anhand von Strichen und Kerben und deuteten damit die Zukunft, da sie Heiden waren.“ Der Mönch bezieht sich auf die Zeit vor der Christianisierung. Nach der Bekehrung „versuchten sie, die slawische Sprache mit römischen und griechischen Buchstaben zu schreiben.“ Es stellte sich jedoch heraus, dass sich nicht alle slawischen Wörter und Laute in griechischen Buchstaben wiedergeben lassen.
Uralte Runen oder bloß „Striche“?
Manche Experten glauben, dass die erwähnten „Striche und Kerben“ lediglich primitive Symbole zum Zählen und zur Wahrsagerei waren. Andere Forscher vermuten, dass es sich um eine Art von Runen handelte, mit der die Slawen ganze Texte verfassten.
Es ist jedoch gesichert, dass die Slawen regen Austausch mit benachbarten Völkern pflegten, die bereits im 8. und 9. Jahrhundert über eine Schrift verfügten. Daher tendiert die moderne Wissenschaft zu der Annahme, dass nach den einfachsten „Strichen und Kerben“ und vor dem offiziellen slawischen Alphabet eine Form vorchristlicher Schrift existierte. Diese könnte die Laute der vorkyrillischen slawischen Sprache durch Kombinationen fremder Buchstaben wiedergegeben haben.
Zeichnungen und eine geschäftliche Notiz des Jungen Onfim. Nerevsky-Ausgrabungsstätte, Nowgorod. 1240–1260
In seinem Werk „1100 Jahre slawisches Alphabet“ stellte der Forscher Wiktor Istrin (1906–1967) fest, dass die Slawen im Osten und Süden höchstwahrscheinlich das griechische Alphabet übernahmen, während sie im Westen sowohl Griechisch als auch Latein verwendeten. Die Ostslawen könnten einige Symbole und hebräische Buchstaben von den Chasaren entlehnt haben. Es ist auch möglich, dass die Slawen Elemente des georgischen und armenischen Alphabets verwendeten.
Manche Forscher gehen davon aus, dass diese „Übergangsschrift“ um das 8. Jahrhundert entstand, als sich die slawische Staatlichkeit herausbildete.
„Wie viele Forscher festgestellt haben, sind die Wörter ‚писать‘ (schreiben), ‚читать‘ (lesen), ‚письмо‘ (Schrift) und ‚книга‘ (Buch) allen slawischen Sprachen gemeinsam. Folglich entstanden diese Wörter, wie die slawische Schrift selbst, wahrscheinlich vor der Aufspaltung der gemeinsamen slawischen Sprache in separate Zweige. Das heißt, spätestens in der Mitte des ersten Jahrtausends n. Chr.“, schreibt Wiktor Istrin in „1100 Jahre slawisches Alphabet“.
Worauf basierte das Alphabet von Kyrill und Method?
Reproduktion der Ikone „Die Heiligen Kyrill und Method“
Istrin verweist sich auf die Lebensbeschreibungen von Kyrill und Method. Ihnen zufolge entdeckte Kyrill in den 850er-860er Jahren in Chersones auf der Krim ein Evangelium und einen Psalter, die „in russischen Buchstaben geschrieben“ waren. Obwohl die offizielle Christianisierung der Rus noch über ein Jahrhundert entfernt war, konvertierten viele Ostslawen, die die Krim und Byzanz besucht hatten, „in großen Gruppen“ zum Christentum. So könnten die heiligen Texte in der Sprache der Rus entstanden sein. Dies führte den Forscher zu der Annahme, dass Kyrills Alphabet nicht aus dem Nichts entstand, sondern auf den Erfahrungen der Slawen selbst beruhte.
„Für die Existenz einer protokyrillischen Schrift bei den Slawen spricht auch die außerordentlich kurze Zeit, die Kyrill laut seiner Lebensbeschreibung für die Ausarbeitung eines geordneten slawischen Alphabets benötigte. Ein so kurzer Zeitraum war nur unter der Bedingung möglich, dass Kyrill über Quellenmaterial verfügte“, schreibt Istrin.
Gemeinsam mit seinem Bruder Method übersetzte Kyrill liturgische Bücher ins Slawische und schrieb sie nieder. Mit diesen Büchern reisten die Brüder nach Großmähren, einem slawischen Fürstentum, das damals das Christentum angenommen hatte, um dort zu predigen. Leider ist keine einzige Abschrift dieser Bücher erhalten geblieben. Die ältesten slawischen Dokumente, die in die Hände von Gelehrten gelangt sind, stammen aus dem 10. Jahrhundert. Sie enthalten bereits zwei Alphabete – das Kyrillische (Kyrilliza) und das Glagolitische (Glagoliza).
Das erste Alphabet steht in Verbindung mit der christlichen Mission
Die Umstände der Entstehung dieser beiden Alphabete sind unbekannt. Die meisten Experten gehen davon aus, dass Kyrill beide Versionen in den 860er Jahren entwickelte. Das glagolitische Alphabet war das erste und übernahm möglicherweise eine Mischung aus Symbolen der vorchristlichen slawischen Schrift.
„Die glagolitischen Buchstaben ähneln einigen Buchstaben des byzantinischen (Minuskel-), hebräischen und koptischen Alphabets. Einige glagolitische Buchstaben weisen jedoch keine sichtbare Ähnlichkeit mit bekannten Alphabeten auf; möglicherweise basiert das glagolitische Alphabet auf den Symbolen einer ausgestorbenen Schrift“, schreibt Oxana Woloschina in „Geschichte der Schrift“.
Beispiele glagolitischer Schrift aus den „Kiewer Blättern“ und dem „Evangelistar von Reims“
Die Kyrilliza entwickelte sich zu einer Art slawisch-griechischem Kompromiss, basierend auf der byzantinischen Unzialschrift. Dank seiner Einfachheit wurde es zum modernen Alphabet der Russen, Ukrainer, Belarussen, Bulgaren, Serben und Mazedonier.
Auch Dutzende nicht-slawische Völker in der ehemaligen Sowjetunion verwenden Kyrillisch. Schätzungsweise 108 Sprachen nutzten zeitweise ein auf Kyrillisch basierendes Alphabet.
Die vollständige Version des Artikels (in russischer Sprache) finden Sie auf der Webseite Culture.ru.