5 Fakten über das tragische Schicksal des Dichters Nikolai Gumiljow

Gemeinfrei
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Romantiker, furchtloser Reisender, Ehemann von Anna Achmatowa, Opfer politischer Repressionen und über viele Jahre verbotener Dichter. Was sollte man über einen der außergewöhnlichsten Lyriker des Silbernen Zeitalters der russischen Literatur wissen?

Er wurde am 15. April 1886 geboren und starb im August 1921 im Alter von 35 Jahren. Das genaue Todesdatum ist unbekannt. Sein kurzes Leben war reich an Abenteuern, Liebe und Reisen.

1. Gründete eine neue poetische Bewegung

Gemeinfrei Nikolai Gumiljow in Paris
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Der Beginn des 20. Jahrhunderts wird als das „Silberne Zeitalter“ der russischen Literatur bezeichnet. Diese Epoche brachte mehrere literarische Strömungen hervor, die oft miteinander im Streit lagen. Die modischste Richtung war der Symbolismus: Seine Vertreter — Waleri Brjussow, Alexander Blok und viele andere — verkündeten die Idee der reinen Kunst, flüchtige Träume vom Schönen und die Rückkehr zu antiken Schönheitsidealen.

Als Reaktion auf die körperlosen Träume der Symbolisten entwickelte Nikolai Gumiljow in den 1910er-Jahren eine neue Richtung — den Akmeismus. Diese Strömung gewann schnell an Popularität; ihr schlossen sich bedeutende Dichter wie Anna Achmatowa, Ossip Mandelstam, Georgi Iwanow und andere an.

Kennzeichnend für den Akmeismus sind größtmögliche Bildgenauigkeit und eine gewisse Gegenständlichkeit. Gumiljow machte es modern, Naturerscheinungen oder abstrakte Begriffe mit etwas Alltäglichem und Konkretem zu vergleichen: „die Morgenröte wie Blut“ oder „sein Blick ist schärfer als Stahl“. In den Metaphern Mandelstams erscheint etwa der Himmel als Emaille — „auf blassblauer Emaille“.

2. Er war der Ehemann der berühmten Anna Achmatowa

Gemeinfrei Nikolai Gumiljow, Anna Achmatowa und ihr Sohn Lew Gumiljow
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Schauspielerinnen, Tänzerinnen, Dichterinnen — Nikolai Gumiljow galt als Frauenheld und begann ohne großes Zögern flüchtige Liebesaffären. Doch die Liebe seines Lebens war Anna Achmatowa; 1910 heirateten sie kirchlich. Ihre Beziehung war leidenschaftlich und zugleich tief von gemeinsamer Kreativität geprägt. Sie widmeten einander Gedichte, und Gumiljow veröffentlichte Achmatowas Verse in der Literaturzeitschrift, die er selbst herausgab. Gemeinsam bekannten sie sich in ihrer Dichtung zum Akmeismus, reisten durch Europa und trafen sich mit Gleichgesinnten im legendären Petersburger Kabarett „Streunender Hund“ (russ. „Бродячая собака“).

1912 wurde ihr Sohn Lew Gumiljow geboren, der später ein bekannter Anthropologe und Ethnologe wurde. Doch 1918, nach acht Jahren Ehe, ließen sie sich scheiden.

3. Bereiste ganz Afrika

Gemeinfrei Gumiljow in Afrika
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Gumiljow konnte niemals lange an einem Ort bleiben. „Nach unserem Treffen war ich im Gouvernement Rjasan, in Petersburg, verbrachte zwei Wochen auf der Krim, eine Woche in Konstantinopel und Smyrna, hatte eine kurze Affäre mit irgendeiner Griechin, kämpfte mit Apachen in Marseille und fand mich erst gestern — ich weiß nicht wie und warum — in Paris wieder“, schrieb er an seinen Freund und Lehrer, den Dichter Waleri Brjussow.

Gumiljow wurde in Sankt Petersburg geboren, besuchte eine Schule in Georgien und lebte mehrere Jahre in Paris, wo er studierte. Seine wahre Leidenschaft aber waren ferne Reisen und romantische Abenteuer im Geist der großen Entdecker, von Odysseus bis Don Juan. Schon als Gymnasiast schrieb er seinen ersten Gedichtzyklus über die Konquistadoren.

Die Dichtung war für ihn vor allem eine Einnahmequelle; mit dem verdienten Geld verwirklichte er seine Träume und reiste in den Nahen Osten und nach Afrika — nach Ägypten, Äthiopien und Dschibuti. Die Abenteuer dort waren allerdings alles andere als romantisch: feindselige Stämme, wilde Tiere, Mangel an Wasser und Nahrung sowie die Gefahr von Malaria begleiteten seine Expeditionen. Dennoch brachte Gumiljow zahlreiche Artefakte mit, die heute in der Kunstkammer — dem Museum für Anthropologie und Ethnographie — aufbewahrt werden.

Und natürlich brachte er auch viele Gedichte mit. Jeder russische Schüler begegnet Gumiljow zuerst durch seine farbenreichen Verse über die Giraffe und die Wüste Sahara:

„Doch schau, die Giraffe, weit weg an den Seen des Tschad,

Wie prächtig sie aussieht und grast.“

4. Wegen Verschwörungsvorwürfen erschossen

Gemeinfrei Nikolai Gumiljow. Foto aus der Ermittlungsakte des NKWD
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Die Revolution von 1917 überraschte Nikolai Gumiljow in London — dort hielt er sich als Angehöriger des Expeditionskorps und als Held des Ersten Weltkriegs auf der Durchreise auf. Er hätte emigrieren und im Ausland bleiben können, doch seine abenteuerlustige Natur siegte: „Ich fahre nach Russland zurück — ich glaube nicht, dass das gefährlicher ist als die Löwenjagd“, sagte er.

Doch es erwies sich als gefährlicher. Die Revolution begrüßte er nicht, und er verbarg seine Ansichten auch nicht. Als bedeutende literarische Persönlichkeit zog er daher schnell die Aufmerksamkeit der Bolschewiki auf sich. Man verhaftete ihn — zusammen mit etwa hundert weiteren Intellektuellen — unter dem Verdacht einer antisowjetischen Verschwörung. Im August 1921 wurde Gumiljow erschossen. Er war erst 35 Jahre alt. Das genaue Datum und der Ort seines Todes sind bis heute unbekannt.

In den 1990er-Jahren wurde der Dichter rehabilitiert, und der Prozess gegen ihn wurde offiziell als fingiert anerkannt. Dennoch gibt es Forscher, die davon ausgehen, dass tatsächlich eine Verschwörung existierte und Gumiljow möglicherweise daran beteiligt war.

5. Er war 70 Jahre lang verboten

Gemeinfrei Nikolai Gumiljow in Paris
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Nach seinem Tod wurde die Dichtung des „Staatsverbrechers“ nicht mehr veröffentlicht. In der Sowjetunion stand der Name Nikolai Gumiljow unter Verbot — man durfte ihn nicht einmal erwähnen, und für das Lesen oder Verbreiten seiner Gedichte konnte man im Gefängnis landen.

Erst während der Perestroika wurde der Name des Dichters wieder öffentlich bekannt — als einer der letzten verfemten Autoren des Silbernen Zeitalters. Heute gehören seine Werke zum Schulprogramm und gelten als Klassiker der russischen Literatur.