5 Gründe, sich den sowjetischen Film „Stalker“ von Tarkowski anzusehen

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Dieser Klassiker des russischen und internationalen Kinos aus dem Jahr 1979 schuf eine neue Bildsprache und ist heute in zahlreichen internationalen Ranglisten der besten Filme aller Zeiten enthalten.

1. Ein Echo der russischen klassischen Literatur

Die Strugatzki-Brüder schrieben das Drehbuch zu diesem Film, das auf ihrem eigenen Science-Fiction-Roman „Picknick am Wegesrand“ basiert. Lange Zeit galten ihre Bücher als ungeeignet für eine Verfilmung, da sie zu viele Bedeutungen enthielten, die sich im filmischen Format nicht angemessen darstellen ließen. Doch das änderte sich, als Andrei Tarkowski – damals ein berühmter und innovativer Filmregisseur und kein Fan von Science-Fiction – sich für die Geschichte interessierte. Da er die russischen Literaturklassiker bevorzugte, veränderte er Handlung und Figuren des Buches weitgehend. Schließlich machte er aus einem Science-Fiction-Werk eine philosophische Parabel über die Gefahren der tiefsten menschlichen Sehnsüchte.

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Das Ergebnis war ein Spezialpreis der Jury in der Kategorie „Außer Konkurrenz“ bei den Filmfestspielen von Cannes 1980 sowie ausverkaufte Kinosäle in den USA, Frankreich und Deutschland. „Stalker“ löste eine Sensation aus und katapultierte Tarkowski in die Riege der gefeierten Filmregisseure seiner Zeit.

2. Eine neue Filmsprache wurde geschaffen

Der Film wurde in der Nähe von Tallinn in der Estnischen Sozialistischen Sowjetrepublik gedreht, ursprünglich war jedoch ein Drehort in Isfara im heutigen Tadschikistan geplant. Ein unerwartetes Erdbeben in der Region veränderte die Pläne des Filmteams und möglicherweise auch die visuelle Entwicklung des Science-Fiction-Genres für die kommenden Jahre.

Wenn Stanley Kubrick mit „2001: Odyssee im Weltraum“ die Welt mit der filmischen Darstellung des Weltraums begeisterte, so lieferte „Stalker“ dem Kino das Graugrün der Postapokalypse. In diesem sowjetischen Film ist die Zivilisation verschwunden und hat eine Sperrzone hinterlassen – einen gefährlichen und geheimnisvollen Ort, auf den die Hauptfiguren laut Handlung zusteuern.

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Diese Zone ist voller Fallen und Überreste scheinbar außerirdischer Aktivitäten, aber paradoxerweise ist sie angenehm anzusehen, anders als beispielsweise die trostlose Stadt zu Beginn des Films, die Tarkowski bewusst in hässlichen Gelbgrautönen zeigt. Grüne Landschaften, moosbewachsene Strommasten und Wasserfälle – es ist, als sei die Natur in der Zone wild geworden und habe ihre ursprüngliche Schönheit wiedererlangt. Visuelle Techniken helfen dem Regisseur, die bizarre Zone als unvergleichlichen, fast übernatürlichen Ort darzustellen.

Das war allerdings kein leichter Weg. Laut späteren Erinnerungen einiger Mitarbeiter am Set kontrollierte Tarkowski obsessiv jeden Aspekt der Dreharbeiten, einschließlich der Farbe und Höhe des Grases, das in der Szene zu sehen sein sollte.

3. Die beste Einführung in die Filme eines klassischen Regisseurs

„Ich habe mein ganzes Leben gebraucht, um mich auf den Film vorzubereiten, und zwei Jahre habe ich mit den Dreharbeiten verbracht“, so beschrieb Tarkowski die mühsame Arbeit an „Stalker“. Tatsächlich war „Stalker“ nicht nur sein letzter Film in der Sowjetunion, sondern auch der Höhepunkt seines künstlerischen Schaffens.

Sein ganzes Leben lang beschäftigte sich Tarkowski mit der Suche nach dem Transzendenten, nach dem Sinn des Lebens. Sein Werk erforschte Fragen nach Gott und dem Platz des Menschen in der Welt, und „Stalker“ betrachtet dieses Problem durch das Prisma des Glaubens.

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Tarkowski ist jedoch vor allem für einen anderen Aspekt seiner Filme bekannt – seine Vorliebe für ein einzigartig langsames Tempo. Wenig Schnitte, Figuren, die Monologe vor Landschaftskulissen halten, lange Pausen ganz ohne Dialog.

Eine treffende Erklärung für Tarkowskis kontemplativen Erzählstil lieferte der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert. Er schrieb, die langen Einstellungen des sowjetischen Regisseurs seien nicht zur Unterhaltung, sondern zum Eintauchen gedacht.

4. Im zeitgenössischen Kino wird „Stalker“ bis heute zitiert

Anspielungen auf „Stalker“ finden sich noch immer an den unterschiedlichsten und unerwartetsten Orten. Einige zeitgenössische Filmregisseure versuchen, seine nachdenkliche Erzählweise nachzuahmen, während andere die Handlung des Films fast vollständig übernehmen. So gingen beispielsweise die Macher des Films „Annihilation“ aus dem Jahr 2018 vor, in dem Natalie Portman die Hauptrolle spielte.

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Der Einfluss von „Stalker“ reicht weit über das Kino hinaus – Tarkowskis kreative Techniken halfen den Machern der gleichnamigen Videospielreihe und der Fernsehserie „Chernobyl“ sowie vielen weiteren. Die Merkmale postapokalyptischer Welten wären anders, gäbe es nicht die von Tarkowski in verschiedenen verlassenen Orten Estlands „gemalte“ bedrohliche, graugrüne Zone.

5. Prophetisch, sowohl eine Vorahnung des Unheils als auch dessen Symbol

Sechs Jahre nach der Veröffentlichung des Films erschütterte eine der schlimmsten Tragödien die UdSSR – die Explosion im Atomkraftwerk Tschernobyl. Das Katastrophengebiet wurde daraufhin zur Sperrzone erklärt. Einige Zeit später begannen sogenannte „Stalker“, die Gegend zu betreten – auf der Suche nach skurrilen Artefakten oder um Touren anzubieten, ganz so wie in der Filmvorlage.

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Das Buch der Strugatzki-Brüder und Tarkowskis Film schufen nicht nur eine Sprache zur Beschreibung einer unverwechselbaren postapokalyptischen Welt, sondern nahmen auch die Landschaften der Sperrzone und ihre einzigartige Umgebung nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 vorweg, die die Welt erschütterte.

Tschernobyl ist seither zu einem Symbol der späten Sowjetzeit geworden und hat gleichzeitig „Stalker“ als deren wichtigste Reflexion in der Filmkunst etabliert.