„Sojusmultfilm“: Hier entstanden die kultigen sowjetischen Zeichentrickfilme (FOTOS)

Fenster nach Russland (Foto: Sojusmultfilm)
Fenster nach Russland (Foto: Sojusmultfilm)
Dort entstanden die sowjetische Version von Winnie the Pooh sowie die legendären Figuren Tscheburaschka und der „Igel im Nebel“. Am 10. Juni 1936 wurde ein Studio gegründet, das die Aufgabe hatte, ganze Generationen des „neuen sowjetischen Menschen“ zu erziehen.

Die Sowjetunion wurde zur Heimat von Zeichentrick-Meisterwerken, die in der ganzen Welt bekannt wurden. Die meisten von ihnen wurden von „Sojusmultfilm“ produziert. Der ikonische Zeichentrickfilm über einen Igel, der durch den Nebel wandert, wurde dort gedreht und wurde zur Lieblingsfigur des legendären japanischen Zeichners Hayao Miyazaki. Ebenso wie die rührende Geschichte über ein kleines Wesen mit großen Ohren und seinen Freund, das Krokodil. Hunderte von Helden sind aus diesem Studio hervorgegangen und haben mehrere Generationen von sowjetischen Kindern großgezogen. 

Dmitri Babitschenko, Alexander Beljakow/Sojusmultfilm, 1936 Erster Zeichentrickfilm „Es ist heiß in Afrika"
Dmitri Babitschenko, Alexander Beljakow/Sojusmultfilm, 1936

Das Studio selbst wurde 1936 eröffnet. Die Regierung ordnete an, dass alle Moskauer Trickfilmstudios unter einem Dach vereint werden sollten. Man nimmt an, dass Stalin selbst diesen Schritt befürwortete. Die Gebäude, in denen das neue Studio untergebracht war, waren früher Kirchen gewesen, die von den Kommunisten umfunktioniert wurden.

Sergej Kiseljow/Moskauer Agentur Sojusmultfilm-Studio. Der rekonstruierte Teil der ehemaligen St.-Nikolaus-Kirche in Nowaja Sloboda.
Sergej Kiseljow/Moskauer Agentur

In den Anfangsjahren orientierte sich das Studio an einem Disney-Modell. 1935 veranstaltete Moskau ein internationales Festival, auf dem die „Loony Tunes“ präsentiert wurden.

E. Stopalow / Sputnik Juri Norstein am Set des Märchenfilms „Geh hin, ich weiß nicht wohin".
E. Stopalow / Sputnik

Die sowjetischen Animatoren waren sehr beeindruckt. „Disneys ‚Looney Tunes‘-Serie stellte die Grenzen des traditionellen gesellschaftlichen Bewusstseins in Frage“, erinnerte sich einer der ersten Regisseure des Studios, Fjodor Chitruk.

Swiridowa / Sputnik Workshop im Sojusmultfilm-Studio.
Swiridowa / Sputnik

Die sowjetischen Animatoren wurden nach dem Disney-Modell ausgebildet: „So traurig es auch sein mag, wir alle arbeiteten anfangs nach der Disney-Methode und waren gezwungen, nicht nur die Technologie, sondern auch bestimmte Prinzipien der Konstruktion und Bewegung der Figuren zu kopieren“, sagt Regisseur Iwan Iwanow-Wano.

TASS Regisseur Roman Dawydow während der Dreharbeiten zu dem Zeichentrickfilm „Die drei Bären".
TASS

Zunächst gab es ausschließlich kurze Animationsfilme, bevor neue Techniken und Genres aufkamen.

Ljudmila Pachomowa / TASS Die Animatorin I. Sobinowa-Kassil bereitet die Puppen für die nächste Aufnahme vor.
Ljudmila Pachomowa / TASS

Zum Beispiel begann man, Theaterschauspieler einzuladen: Sie liehen den Figuren nicht nur ihre Stimme, sondern ihre Bewegungen wurden, wie im Kino, gefilmt, bevor Animatoren sie kopierten und als eine Reihe von Zeichnungen zu Papier brachten (die sogenannte „Eclair“-Methode). So entstanden Filme wie „Barmalej“, „Moidodyr“ und „Limpopo“.

Ljudmila Pachomowa / TASS Der Regisseur Iwan Ufimzew mit den Figuren des Puppentrickfilms „Wie man eine Boa heilt".
Ljudmila Pachomowa / TASS

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Studio kurzzeitig umfunktioniert, um Agitprop-Filme zu produzieren und so den Kampfgeist der Nation zu stärken. Doch die Produktion kam nicht zum Erliegen.

Waleri Christoforow / TASS Der Szenenbildner Heli Arkadjew bei der Arbeit am Entwurf einer der Figuren.
Waleri Christoforow / TASS

Das Studio wurde nach Usbekistan evakuiert, wo die Angestellten unter harten Bedingungen überleben mussten; zeitweise wurden sogar Knöpfe und Kämme aus Filmstreifen hergestellt. Doch selbst inmitten von Nahrungsmittel-, Heizungs-, Material- und Personalmangel produzierte Sojusmultfilm weiterhin Zeichentrickfilme.

Fjodor Chitruk/Sojusmultfilm, 1962 „Die Geschichte eines Verbrechens"
Fjodor Chitruk/Sojusmultfilm, 1962

Bis zum Ende des Krieges hatte das Studio bereits seinen eigenen Stil entwickelt. Es entfernte sich zunehmend vom Disney-Stil und begann immer häufiger mit der Puppentricktechnik zu arbeiten, bei der die Bewegungen von Puppen genutzt wurden, um den Figuren Leben einzuhauchen. Die Zeichentrickfilme waren im In- und Ausland ein großer Erfolg.

Archivfoto Anatoli Papanow und Klara Rumjanowa sprechen die Stimmen des Zeichentrickfilms „Hase und Wolf!".
Archivfoto

Nach dem Erfolg der „Schneekönigin“ in Venedig im Jahr 1957 empfahl der Papst persönlich, sich sowjetische Zeichentrickfilme anzusehen, und bezeichnete sie als die freundlichsten und humansten der Welt.

Wjatscheslaw Kotjonotschkin/Sojusmultfilm,1976 „Hase und Wolf"
Wjatscheslaw Kotjonotschkin/Sojusmultfilm,1976

Das eigentliche goldene Zeitalter lag jedoch wohl in den 1970er Jahren bis Mitte der 1980er Jahre.

Wladimir Rodionow / Sputnik Der Szenenbildner der Tscheburaschka-Filme, Leonid Schwarzman, mit seinen Figuren aus dem Film „Der Fluss von Krokodil Gena“.
Wladimir Rodionow / Sputnik

Diese Periode ist geprägt von der Veröffentlichung der Kultfilme „Nu, Pogodi!“ („Hase und Wolf“) und „Krokodil Gena“. „Sojusmultfilm“ avancierte zum größten Studio Europas, beschäftigte über 500 Mitarbeiter und veröffentlichte 1000 Zeichentrickfilme.

Roman Kachanow/Sojusmultfilm,1974 „Krokodil Gena"
Roman Kachanow/Sojusmultfilm,1974

Chitruk erzählte, wie wichtig es gewesen sei, die besten Fachleute auszuwählen und ihnen die besten Arbeitsbedingungen zu bieten. 

TASS Am Set des Puppenanimationsfilms „Peter und der Wolf“
TASS

„Und wir sollten nicht vergessen, dass die Zensur gar nicht so streng war. Es gab zwar einige alberne Momente, in denen Vorgesetzte vehement auf die Änderung eines pessimistischen Endes bestanden, aber die waren eher selten. Alles in allem herrschte kein Chaos, wir hatten relativ viel Freiheit, unsere Arbeit zu machen.“

Boris Stepanzew/Sojusmultfilm, 1965 „Wowka im Königreich Weit Weit Weg"
Boris Stepanzew/Sojusmultfilm, 1965

1969 erschien die legendäre sowjetische Version von Winnie the Pooh. Sie ist bis heute der meistzitierte sowjetische Zeichentrickfilm. Wolfgang Reitherman, der Autor der Disney-Version, gestand sogar, dass ihm der sowjetische Philosophenbär eigentlich noch besser gefiel als seine eigene Schöpfung.

Wasili Malyschew / Sputnik Fjodor Chitruk
Wasili Malyschew / Sputnik

Im selben Jahr veröffentlichte das Studio Juri Norsteins „Igelchen im Nebel“ – laut einer Umfrage unter 140 Animatoren weltweit der beste Animationsfilm aller Zeiten. Der Zeichentrickfilm, der sich mit Freundschaft und Angst auseinandersetzt, gewann 35 internationale Auszeichnungen.

Juri Abramotschkin / Sputnik Standbild aus dem Zeichentrickfilm „Pu der Bär“ (Studio Sojusmultfilm, Regie: Fjodor Chitruk, 1969)
Juri Abramotschkin / Sputnik

Die 1990er Jahre waren eine schwere Zeit für das Studio, das kurz vor der Schließung stand. Der originelle, einzigartige Stil fand angesichts der Flut westlicher Zeichentrickfilme, die den Markt überschwemmten, einfach keinen Anklang. Zudem wurde Sojusmultfilm Opfer eines Einbruchs, weshalb die Produktion vorübergehend eingestellt werden musste.

Sergei Kiseljow/Moskva agency Arbeit des Animationsstudios „Sojusmultfilm"
Sergei Kiseljow/Moskva agency

Erst nach 2011, etwa zum 75-jährigen Jubiläum des Studios, wandten sich die russischen Animatoren mit der Bitte an den Präsidenten, sich des mittellosen Studios zuzuwenden. Daraufhin erhielt es endlich finanzielle Mittel und eine neue Chance. Es begann im wahrsten Sinne des Wortes von vorn, obwohl das Studio alle alten Rechte behielt. Ein neues Büro wurde eröffnet und die technische Modernisierung abgeschlossen.

Gennadi Gratschjow (CC BY 2.0) Sojusmultfilm-Studio. Der rekonstruierte Teil der ehemaligen St.-Nikolaus-Kirche in Nowaja Sloboda.
Gennadi Gratschjow (CC BY 2.0)

Neben kurzen Animationen begann das Kollektiv mit der Produktion von Zeichentrickserien. Auch die kultige Tradition des Motion Capture mit Puppen hat irgendwie überlebt: Das Studio brachte schließlich den abendfüllenden Zeichentrickfilm „Gofmaniada“ heraus, dessen Herstellung fast 15 Jahre dauerte. 

Stanisław Sokolow/Sojusmultfilm, 2018 „Gofmaniada“
Stanisław Sokolow/Sojusmultfilm, 2018