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Wie Puschkin sich zum Atheismus bekannte und dafür bestraft wurde

„Porträt des Dichters Alexander S. Puschkin“. Nikolai Pawlowitsch Uljanow (1875–1949)
Legion Media
Ein Brief mit einer Passage über die „Lehren des reinen Atheismus“ wurde zum Vorwand, Russlands größten Dichter aus dem warmen Süden in den kargen, kalten Norden zu verbannen.

Nach seinem Abschluss am Lyzeum führte Puschkin in Sankt Petersburg das Leben eines jungen Mannes der feinen Gesellschaft und schrieb Gedichte, die bei den Behörden auf scharfe Ablehnung stießen. In seiner „Ode an die Freiheit“ (1817) kritisierte er die Autokratie, in seinem Gedicht „Das Dorf“ (1819) prangerte er die Leibeigenschaft an. Zudem verfasste er bissige Epigramme über den Monarchen selbst und dessen engstes Umfeld. Kaiser Alexander I. war darüber empört und ordnete an, den jungen Dichter nach Sibirien oder, als letzte Möglichkeit, ins Solowezki-Kloster zu verbannen.

Puschkins einflussreiche Freunde – darunter N. Karamsin, W. Schukowski und andere – setzten sich umgehend für ihn ein und bemühten sich um ein milderes Urteil. Karamsin überzeugte den Zaren persönlich davon, dass eine Verbannung nach Sibirien zu hart wäre, und soll dabei gesagt haben: „Puschkin ist ein Genie, und Genies muss man verzeihen.“

Alexander Puschkin am Schwarzen Meer, 1868. Aus der Sammlung des Staatlichen A. S. Puschkin-Museums, Moskau. Künstler Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski(1817–1900).
Heritage Images / Getty Images

Schließlich gab der Zar nach. Im Mai 1820 verließ Puschkin Sankt Petersburg – offiziell, um eine „neue Stelle“ anzutreten, tatsächlich jedoch, um ins Exil in den Süden zu gehen. Er wurde vom Petersburger Kollegium für Auswärtige Angelegenheiten, wo er zuvor tätig gewesen war, in die Kanzlei von General I. Insow versetzt. Dieser war als Hauptverwalter der Kolonisten im südlichen Gebiet tätig und hatte seinen Sitz in Kischinjow (heute Chișinău). Insow, ein gutmütiger und nachsichtiger Mann, behandelte den in Ungnade gefallenen Dichter milde und belastete ihn kaum mit dienstlichen Aufgaben. Puschkin verbrachte fast drei Jahre in Kischinjow (bis Juli 1823). In dieser Zeit erlebte seine romantische Lyrik eine Blüte, und er begann mit der Arbeit an „Eugen Onegin“.

Alexander Puschkin in Bachtschissaraj (Krim). Gemälde des 20. Jahrhunderts.
Legion Media

Im Juli 1823 wurde Puschkin nach Odessa versetzt, wo er unter Graf M. Woronzow, dem neuen Generalgouverneur von Neurussland, dienen sollte. Odessa war 1823–1824 eine lebhafte, kosmopolitische Hafenstadt mit italienischer Oper, Restaurants und einem regen gesellschaftlichen Leben. Puschkin tauchte in diese Atmosphäre ein: Er besuchte häufig das Haus der Woronzows, nutzte deren Bibliothek und ging ins Theater und in Spielkasinos. In den 13 Monaten vom 3. Juli 1823 bis zum 31. Juli 1824 schrieb er zweieinhalb Kapitel von „Eugen Onegin“ sowie das Poem „Die Zigeuner“, vollendete „Die Fontäne von Bachtschissaraj“ (auch „Der Springbrunnen von Bachtschissaraj“) und verfasste mehr als 30 kürzere Gedichte.

Anfangs war das Verhältnis zwischen Puschkin und dem Grafen freundlich und gut, doch bald verschlechterte es sich. Zeitgenössischen Berichten zufolge soll der Konflikt durch Puschkins Verhältnis mit Woronzows Frau, Jelisaweta Xawerjewna, ausgelöst worden sein. Der Streit eskalierte, als Woronzow Puschkin eine demütigende Aufgabe übertrug: Er sollte ins Gouvernement Cherson reisen, um dort „gegen Heuschrecken vorzugehen“. Anschließend wandte sich Woronzow an Außenminister K. Nesselrode mit der Bitte, Puschkin aus Odessa zu entfernen.

Porträt der Gräfin Jelisaweta Woronzowa (1830) von Josef Eduard Teltscher
Nationales Puschkin-Museum, Sankt Petersburg

Der entscheidende Faktor war ein abgefangener Brief, den Puschkin im Frühjahr 1824 an einen Freund in Moskau geschickt hatte. In der Forschung ist umstritten, ob der Brief an P. A. Wjasemski oder W. K. Küchelbecker gerichtet war. Darin schrieb der Dichter: „Du willst wissen, was ich mache – ich schreibe bunte Strophen eines romantischen Gedichts und nehme Unterricht im reinen Atheismus. Hier gibt es einen Engländer, einen tauben Philosophen, den einzigen klugen Atheisten, den ich je getroffen habe.“ Bei dem erwähnten „Engländer“ handelte es sich um William Hutchinson, den Leibarzt Woronzows.

Später räumte Puschkin ein, dass er den Brief verfasst hatte, um unter seinen Bekannten „Gespräche und Gerüchte“ auszulösen. Doch gerade dieser Brief besiegelte sein Schicksal: Die Moskauer Polizei wurde auf ihn aufmerksam, und am 11. Juli 1824 teilte Graf Nesselrode Woronzow mit, die Regierung sei zu der Überzeugung gelangt, dass Puschkin „seine verderblichen Grundsätze keineswegs aufgegeben“ habe.

Alexander Puschkin im Dorf Michailowskoje (1875) von Nikolai Ge
Wladimir Wdowin / Sputnik

Im Juli 1824 erging ein kaiserlicher Erlass: Puschkin wurde „wegen unangemessenen Verhaltens“ („par son inconduite“) aus dem Staatsdienst entlassen und auf das Familiengut Michailowskoje im Gouvernement Pskow verbannt. Dort sollte er unter der Aufsicht der örtlichen Behörden stehen. Am 1. August verließ Puschkin in Begleitung seines Leibeigenen und Dieners Nikita Koslow Odessa. Am 9. August 1824 traf er in Michailowskoje ein und verbrachte dort die folgenden zwei Jahre.