Warum kürzt man im Russischen so gern Wörter ab?
Abkürzungen sind im Russischen vor allem in der gesprochenen Sprache verbreitet. Sie dienen nicht nur dazu, „Sprechaufwand“ zu sparen, sondern auch, den informellen Charakter des Gesprächs zu unterstreichen.
Die bewusste Verkürzung von Wörtern setzte sich erst im 20. Jahrhundert durch. Zuvor fanden sich Abkürzungen entweder in der bäuerlichen Umgangssprache oder, im Gegenteil, unter Intellektuellen, beispielsweise im Universitätsjargon.
Russische und entlehnte Verkürzungen
Der große russische Dichter Alexander Puschkin entlehnte solche Wörter der bäuerlichen Volkssprache. So verwendete er beispielsweise „молвь“ anstelle von „молва“ (was „Gerücht“, „Gerede“ bedeutet). In seinen Anmerkungen zu seinem Versroman „Eugen Onegin“ bemerkte er, dass Zeitschriften seine Neuerungen kritisierten, er aber darauf bestand, dass diese Wörter ursprünglich russisch seien.
Iwan Turgenew, ein weiterer russischer Schriftsteller, verwendete das Wort „реаки“ als Kurzform für „реакционеры“ (Reaktionäre), also Befürworter des Erhalts der alten Ordnung und Gegner von Reformen. Der Schriftsteller verbrachte ab Mitte der 1850er Jahre viel Zeit in Frankreich und könnte dort in lokalen Zeitungen auf das Wort „réacs“ gestoßen sein oder es im Alltag gehört haben.
Kurzformen der Namen
Namen abzukürzen war seit jeher selbst im Hochadel üblich. Nikolai konnte im Familienkreis „Ники“ (Niki) – im Volk „Коля“ (Kolja) – genannt werden, Jekaterina – „Кити“ (Kiti) – im Volk „Катя“ (Katja) – und so weiter. Den Namen Sankt Petersburg begann man bereits im 18. Jahrhundert zu „Питер“ (Piter) zu verkürzen.
Selbst im höchsten Adel war es üblich, Namen zu kürzen. Николай (Nikolaus) könnte innerhalb der Adelsfamilie „Ники“ (Niki) und im Volk „Коля“ (Kolja) genannt werden, Катерина (Katharina) wäre „Кити“ (Kiti) oder „Катя“ (Katja) und so weiter. Санкт-Петербург (Sankt Petersburg) wurde bereits im 18. Jahrhundert zu „Питер“ (Piter) abgekürzt.
Trends aus der Sowjetzeit
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hielten neue, modische Wörter Einzug in die städtische Umgangssprache, wie zum Beispiel:
- „такси“ (statt „таксомотор“ – für Taxi),
- „авто“ (statt „автомобиль“ – für Auto),
- „кино“ (statt „кинотеатр“ – für Kino).
Die eigentliche Mode für abgehackte, telegrammartige Sprache und zahlreiche Abkürzungen entstand jedoch erst nach der Errichtung der Sowjetmacht.
Sie wurde von Dichtern und Schriftstellern aufgegriffen, und Forscher haben häufig darüber geschrieben. „Die Sprache hat sich in unerwartete neue Bestandteile aufgespalten“, bemerkte der Philologe Grigori Winokur 1924.
„Diese neuen Elemente waren Lautkombinationen wie ‚зам‘ (заместитель – Stellvertreter), ‚зав‘ (заведующий – Leiter/Direktor) und ‚проф‘ (профессор – Professor oder профессионал – Fachmann), die zwar Teil eines normalen Wortes sind, aber dennoch die volle Bedeutung der Wörter tragen, aus denen sie ‚herausgelöst‘ wurden. Sie werden als eigenständige Wörter verwendet und sogar dekliniert.“
Der Fortschritt brachte Abkürzungen in alle Sprachen
Der Grund dafür lag jedoch nicht allein darin, dass die Sprache unter dem Sog der Revolution geriet, die alte soziale und kulturelle Normen aufbrach. Viele Sprachen erlebten in der Neuzeit einen Anstieg an Abkürzungen. Aristokraten und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts beklagten die Verbreitung von Abkürzungen im Englischen, wie etwa „lunch“ (dt. Mittagessen, von luncheon), „pub“ (dt. Kneipe, von public house), „flu“ (dt. Grippe, von influenza). Die Sprache strebte, dem Zeitgeist entsprechend, nach Einfachheit, Rationalität und Verständlichkeit.
Heute machen Abkürzungen (verschiedenen Schätzungen zufolge) bereits 10–15 % des gesamten neuen Wortschatzes aus. Und ihr Anwendungsbereich weitet sich aus: Sie dringen in die Sprache der Medien, die Rede von Politikern und Beamten ein und finden ihren Weg von der Schriftsprache in die gesprochene Sprache. Wörter wie „завуч“ (von заведующий учебной частью – Leiter der akademischen Angelegenheiten oder (Schul)leiter) oder „физ-ра“ (физическая культура – Sport(unterricht)) sind im akademischen Umfeld zur Norm geworden.
Wie werden Wörter abgekürzt?
Experten unterscheiden vier Arten von Wortumwandlungen, die zu verkürzten Formen führen:
- Verkürzung des Wortendes – „ноут“ (Laptop, von ноутбук), „чел“ (Mensch, Kerl, von человек);
- Verkürzung des Wortanfangs – „клип“ (Videoclip, von видеоклип);
- Auslassen des Mittelteils unter Beibehaltung von Anfang und Ende – „лит-ра“ (Literatur, von литература).
Internet-Kürzungen
Eine Innovation der letzten Jahrzehnte, die aus der Online-Kommunikation stammt, ist die Bildung verkürzter Formen von Verben und Adverbien.
Wir schreiben und sagen „нра/нрав“ (nra/nraw, dt. gefällt, von нравится), „оч“ (otsch, dt. sehr, von очень), „лю“ (lju, dt. liebe, von люблю), „прост“ (prost, dt. einfach, von просто), „ясн“ (jasn, dt. klar, von ясно). Immer verbreiteter werden sprachliche Spiele mit Kürzungen: So bekommt etwa „норм“ (norm, dt. normal, in Ordnung, von нормально) eine ganze Verwandtschaft: „нормас, нормис, нормуль“ (normas, normis, normul).
Die Verkürzung eines neuen Wortes, das erst kürzlich in die Sprache Einzug gehalten hat, deutet auf dessen „Domestizierung“ und, allgemeiner, auf eine zunehmende Vertrautheit mit dem hin, was es bezeichnet.
Einst sprachen unsere Großeltern noch sorgfältig das seltsame Wort „метрополитен“ (metropoliten, dt. Metro, U-Bahn) aus – und waren sich nicht einmal sicher, wo sie die Betonung platzieren sollen –, später dann „электропоезд“ (elektropojesd, dt. Elektrozug). Heute sind in der Alltagssprache nur noch „метро“ (metro) und „электричка“ (elektritschka) übrig geblieben. „Безнал“ (besnal, dt. bargeldlose Zahlung) hat das schwerfälligere „безналичный расчет“ (besnalitschny rastschot) verdrängt, und „крипта“ (kripta, dt. Krypto) wird in der Umgangssprache häufiger gebraucht als das vollständige „криптовалюта“ (kriptowaljuta, dt. Kryptowährung).
Der vollständige Artikel ist auf Russisch auf der Webseite „Gramota.ru“ veröffentlicht.