Warum ist die russische Sprache so schwierig?

Каterina Lobanowa Die Betonung kann in einem Wort auf jede beliebige Silbe fallen und wirkt dabei oft willkürlich – anders als in Sprachen wie dem Französischen, in denen die Aussprache einem klaren Muster folgt.
Каterina Lobanowa
„Warum Russland“ ist eine Artikelreihe, die sich mit den meistgesuchten Themen rund um Russland befasst. Heute geht es um die russische Sprache – wunderschön, aber auch sehr schwer zu lernen.

Das Erste, was der japanischen Übersetzerin Mayu Okamoto auffiel, als sie zum ersten Mal geschriebenes Russisch sah, war die große Zahl ungewohnter Buchstaben. Schon von Anfang an erkennen ausländische Studierende, die an die lateinische Schrift gewöhnt sind – und die meisten von ihnen in Russland beherrschen zumindest etwas Englisch –, dass Russisch völlig anders ist.

Unbekannte Buchstaben

Natalja Blinowa, Privatlehrerin für Russisch als Fremdsprache, berichtet, dass ihre ausländischen Schüler nervös werden, sobald sie erfahren, dass das Russische 33 Buchstaben und noch mehr Laute hat. Hinzu kommt, dass Buchstaben manchmal anders ausgesprochen werden, als sie geschrieben werden. So sprechen Russen zum Beispiel „horoscho“ (gut) so aus, als würde es „harascho“ geschrieben. Manche Buchstaben und Laute gibt es zudem nur im Russischen.

Die Aussprache des Buchstabens „ы“ stellt für viele Russischlernende die größte Herausforderung dar. Eine englischsprachige Studentin beschrieb ihre Schwierigkeiten in einer Online-Diskussion:„Mein russischer Freund riet mir, das Wort „table“ auszusprechen und den Laut zwischen dem b und dem l zu isolieren – aber es funktioniert einfach nicht.“ Wenn es einem Schüler dann gelingt, das „ы“ auszusprechen, warten schon die nächsten Herausforderungen. Zum Beispiel der Unterschied zwischen den Buchstaben „ш“ und „щ“. Blinowa sagt, ihre Schüler könnten diese beiden Buchstaben akustisch in der Regel nicht unterscheiden und seien gezwungen, sich auf das „Schwänzchen“ beim „щ“ zu verlassen, um den Unterschied zu erkennen. 

Auch die Betonung russischer Wörter bereitet ausländischen Lernenden Schwierigkeiten. Sie kann auf jede beliebige Silbe fallen und wirkt oft willkürlich – anders als in Sprachen wie dem Französischen, in denen die Aussprache einem klaren Muster folgt. In manchen Fällen verändert sich die Betonung sogar je nach Wortform. „Die russische Betonung ist unberechenbar“, sagt Anna Solowjowa, Lehrerin am Institut für Russische Sprache und Kultur der Moskauer Staatlichen Universität. „Es ist nahezu unmöglich zu verstehen, warum wir ‚stol – stolY‘ (Tische), aber ‚telefon – telefOny‘ (Telefone) sagen.“

Sechs Fälle

Nehmen wir an, ein ausländischer Student beherrscht die Regeln der russischen Phonetik und kann Wörter korrekt aussprechen. Die nächste Herausforderung ist die Grammatik. „Am schwierigsten war es für mich, die sechs Fälle im Russischen zu lernen“, sagt der deutsche Student Simon Schirrmacher. Er brauchte ein Jahr in Russland, um sich einigermaßen mit den Fällen vertraut zu machen.

Die russischen Fälle sind besonders schwierig für Studierende, deren Muttersprache keine Fälle kennt oder in deren Sprachen die Fälle die Wortstruktur nicht beeinflussen. „Ich konnte einfach nicht glauben, dass man die Wörter verändern muss, nur weil man einen bestimmten Fall verwendet!“, erinnert sich Okamoto. „Das ist doch verrückt! Und dann waren da noch die Verbkonjugationen. Jedes Mal, wenn man einen Satz sagen wollte, musste man überlegen, wie man jedes einzelne Wort verändert, welche Form man wählt.“

Schwierige Verben

Ein Bereich der russischen Grammatik, der ausländischen Studierenden besonders schwerfällt, ist der Gebrauch von perfektiven und imperfektiven Verben. „Ich hoffe sehr, dass ich das irgendwann verstehen werde“, sagt Schirrmacher höflich, aber ohne große Hoffnung in der Stimme. Okamoto erinnert sich an ihre Erfahrungen mit den Verben: „Ich weiß noch, wie ich das illustrierte Lehrbuch immer wieder gelesen habe, um den Unterschied zwischen ‚prischjol‘ (kam an) und ‚prihodil‘ (kam regelmäßig / war schon einmal gekommen) zu begreifen. Was bedeutete das überhaupt? Wo war dieser Mann? War er gegangen oder geblieben? Es war schrecklich.“

Verben der Fortbewegung sind eine ganz eigene Herausforderung, erklärt Blinowa, denn im Russischen gibt es davon besonders viele. „Zum Beispiel hat das einfache italienische Verb „andare“ (gehen) die russischen Entsprechungen „chodit’“ (zu Fuß hin und zurück gehen/regelmäßig gehen), „idti“ (zu Fuß in eine Richtung gehen), „pojti“ (zu Fuß losgehen), „jechat’“ (mit einem Verkehrsmittel in eine Richtung fahren), „pojechat’“ (mit einem Verkehrsmittel/Fahrzeug losfahren) und „jesdit’“ (hin und zurück fahren/regelmäßig fahren).“ Solowjowas persönlicher Favorit ist das Verb „katat’sja“, das man grob übersetzen kann mit „ein Fahrzeug zum Vergnügen nutzen statt zur Fortbewegung“. Um das Leben ausländischer Studenten noch schwerer zu machen, können alle diese Verben mit verschiedenen Präfixen versehen werden, die dabei die Bedeutung verändern.

Die gute Seite

Doch keine Sorge: In mancher Hinsicht ist Russisch leichter zu lernen als andere Sprachen. Die von uns befragten Lehrkräfte verweisen auf das Fehlen von Artikeln und darauf, dass es nur drei Zeitformen gibt – weniger als in den meisten europäischen Sprachen.

Solowjowa ist überzeugt, dass Russisch nicht schwieriger zu lernen ist als zum Beispiel Englisch – man müsse sich lediglich daran gewöhnen. „Wenn Ausländer schon in früher Kindheit Russisch lernen würden, wie es beim Englischen oft der Fall ist, würden sie die Sprache nicht als so schwer empfinden.“ Blinowa ergänzt, dass Sprachen wie Mandarin oder Arabisch deutlich schwieriger seien als Russisch.

„Im Russischen endet fast die ganze schreckliche Grammatik auf dem Niveau A2“, bemerkt Blinowa. „Hat man diesen Punkt erreicht, gewinnt man sprachliche Freiheit und kann die große und schöne russische Sprache in vollen Zügen genießen!“