5 Fakten über das legendäre „Sowremennik“-Theater
1. Gegründet von einer Gruppe junger sowjetischer Schauspieler
In der UdSSR war das „Sowremennik“ (wörtlich „zeitgenössisch“) ein einzigartiges Phänomen – es entstand nicht auf Anordnung der Parteiführung wie die meisten anderen Theater. Es wurde 1956 aus der Begeisterung einer Gruppe junger Schauspieler des Moskauer Akademischen Künstlertheaters (MChAT) unter der Leitung von Oleg Jefremow geboren. Sie beschlossen, sich zusammenzuschließen und zu experimentieren.
Das neue Theater hatte einen Ehrenkodex: Alle Schauspieler waren gleichberechtigt, alle Entscheidungen wurden gemeinsam per Abstimmung getroffen (einschließlich der Wahl des neuen künstlerischen Leiters).
„Für mich ist Theater eine Gemeinschaft von Menschen, die sozusagen im Einklang leben und dieselben Ideen vertreten. […] Es ist ein Kollektiv, das in seiner Gesamtheit ein Künstler ist“, sagte Jefremow.
2. Es war ein Kind des „Tauwetters“
Die Entstehung eines solchen Theaters war nur während des „Tauwetters“ unter Chruschtschow möglich, als die Zensur gelockert wurde und eine Art „Freiheit“ – wenn auch begrenzt – entstand, die einer neuen Generation von Kreativen neue Impulse verlieh.
Das „Sowremennik“-Theater entwickelte sich zu einem psychologischen Theater, das sich auf das Individuum, die Persönlichkeit und den romantischen Helden konzentrierte, der von einer strahlenden Zukunft träumte, aber alle irdischen Stärken und Schwächen besaß.
Die erste Inszenierung war das Stück „Die ewig Lebenden“ von Wiktor Rosow über den Zweiten Weltkrieg, das die persönlichen Dramen gewöhnlicher Menschen in den Mittelpunkt stellte.
3. Es wurde erstmals von der Bühne aus über den Gulag gesprochen
„Wir waren beunruhigt darüber, dass der frische Wind der Moderne selten auf genau diese Bühne wehte, die Stanislawski und Nemirowitsch-Dantschenko immer zu einem Gefäß für zeitgenössische Ideen und den zeitgenössischen Menschen machen wollten“, sagte Jefremow über das Moskauer Kunsttheater (MChAT). Diese Idee war also auch mit der Namenswahl für das neue Theater verbunden, denn wie bereits erwähnt bedeutet „Sowremennik“ wörtlich „zeitgenössisch“.
Neben zeitgenössischen Interpretationen klassischer Stücke von Anton Tschechow, Nikolai Gogol, William Shakespeare und George Bernard Shaw beschäftigte sich die Schauspielerin und Regisseurin Galina Woltschek auch mit zeitgenössischen Autoren, von Michail Roschtschin und Alexander Wampilow bis zu Wassili Schukschin.
Das Theater scheute sich nicht, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die für die damalige Zeit schwierig waren, wie zum Beispiel Jewgenia Ginsburgs „Harte Marschroute“ (im Deutschen in zwei Teilen unter den Titeln „Marschroute eines Lebens“ und „Gratwanderung“ erschienen). Und 1989 war es das erste Theater, das das Thema Gulag und Stalins Repressionen auf der Bühne thematisierte.
4. Erstklassige Stars treten auf der Bühne auf
Dank ihres meisterhaften Schauspiels wurden die Namen der Schauspieler Oleg Jefremow, Galina Woltschek, Jewgeni Jewstignejew, Oleg Tabakow und Igor Kwascha in der gesamten UdSSR bekannt. Später wurden sie alle auch Filmstars.
1972 wählte das Theater Galina Woltschek zur neuen Intendantin. Sie war seit der Gründung des Studios dort tätig und leitete das Theater nach ihrer Beförderung über 40 Jahre lang. Sie förderte eine ganze Generation von Schauspielern, darunter Marina Nejolowa, Juri Bogatyrjow, Walentin Gaft, Konstantin Raikin, Awangard Leontjew und viele andere.
5. Eines der bedeutendsten Theater in Russland
Heute ist der Schauspieler Wladimir Maschkow künstlerischer Leiter des Theaters. Er setzt sich mit Nachdruck für die Fortführung der ruhmreichen Traditionen ein. Einige legendäre historische Inszenierungen werden weiterhin aufgeführt, darunter „Drei Kameraden“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque, der in der UdSSR große Beliebtheit genoss. Zahlreiche ältere Stücke wurden wiederaufgenommen, beispielsweise „Spiel zu zweit“ von William Gibson, das Woltscheks Regiedebüt war.
Das Repertoire wird außerdem um zeitgenössisches Material erweitert: Theaterstücke, die auf Büchern und Werken von Alexandra Nikolajenko, Jewgeni Wodolaskin, Yasmina Reza, Alexander Zypkin und vielen anderen basieren.