Warum brauchen Russen eine „sprechende Uhr“?

Fenster nach Russland (Foto: Krittiraj Adchasai, Randy Faris, KaanC / Getty Images)
Fenster nach Russland (Foto: Krittiraj Adchasai, Randy Faris, KaanC / Getty Images)
Seit fast 90 Jahren verrät die Telefonnummer „1-0-0“ den Moskauern die genaue Uhrzeit.

Stellen Sie sich einen Dienst vor, der älter ist als die meisten seiner Nutzer, keinen Internetzugang benötigt, keine Daten erhebt und dennoch – trotz des Aufstiegs digitaler Technologien – weiterhin gefragt ist. Es handelt sich um den automatischen telefonischen Zeitansagedienst in Moskau. Wählt man die Nummer „1-0-0“, meldet sich eine angenehme Frauenstimme und gibt nach einem kurzen Signalton die aktuelle Uhrzeit an – sekundengenau. Der Dienst ist rund um die Uhr verfügbar und sowohl vom Festnetz als auch vom Mobiltelefon aus kostenlos.

Von Telefonistinnen zur Automatisierung

Die Geschichte des Dienstes begann lange vor dem Aufkommen der Automatik. Seit 1931 saßen in Leningrad (heute Sankt Petersburg) Telefonistinnen an den Telefonzentralen. Sie sagten den Anrufern die Zeit an, wobei sie auf ihre Armbanduhren schauten. Diese Initiative legte die Gewohnheit an, „die Zeit am Telefon zu erfragen“.

Am 7. November 1937 ging in Moskau der erste automatisierte Dienst in Betrieb – die eigentliche „sprechende Uhr“. Sie war ein Geschenk von Beschäftigten des Fernmeldewesens an die Öffentlichkeit, überreicht anlässlich des Jahrestages der Oktoberrevolution. Das Gerät arbeitete mechanisch: Es nutzte Prinzipien der Lichttontechnik, wobei die Stimme auf fotografischem Material aufgezeichnet war. Die Apparatur verfügte über zwei Trommeln – eine für die Stunden und eine für die Minuten.

Georgi Petrussow / Sputnik
Georgi Petrussow / Sputnik

Die vertraute Nummer „1-0-0“ tauchte erst 1970 auf, nachdem Moskau auf ein siebenstelliges Nummerierungssystem umgestellt hatte. Zuvor verfügte jede Telefonvermittlungsstelle über eine eigene Nummer, und Anrufer mussten mitunter sogar das Codewort „Wremja“ („Zeit“) nennen, um eine Verbindung zu erhalten. Im Jahr 1993 wurde die Anlage auf ein digitales System umgestellt; dies ermöglichte nicht nur eine neue Stimme, sondern erlaubte es dem Dienst zudem, die Uhrzeit sekundengenau anzugeben (zuvor war die Angabe nur minutengenau).

Die Stimmen der Zeit

Der Dienst hat seine eigenen „Stars". Die berühmten Ansager Emmanuil Tobiasch und Juri Lewitan wurden eingeladen, ihre Stimmen für die ursprüngliche „sprechende Uhr" zur Verfügung zu stellen. Nach Testaufnahmen fiel die Wahl auf Tobiasch. Seitdem begannen die Moskauer zu scherzen: „Lass uns Tobiasch nach der Uhrzeit fragen!" Doch schon ein Jahr später sprach die Uhr mit einer weiblichen Stimme. Bis 1970 war die Stimme des Moskauer Zeitansagedienstes Olga Wyssozkaja; ab 1970 war es Olga Friderson; und von 1993 bis heute ist es die Sprecherin Ljudmila Wesselowa. Ihre 1973 gemachte Aufnahme lag 20 Jahre lang im Regal, bevor sie 1993 schließlich zum Einsatz kam.

Anatoli Garanin / Sputnik
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Warum ist es noch in Betrieb?

Obwohl es heute unzählige andere Möglichkeiten gibt, die genaue Uhrzeit zu erfahren, bleibt der Dienst „1-0-0" aus mehreren Gründen wichtig. Erstens ist er eine offizielle Zeitquelle, die mit dem Hauptstandard synchronisiert ist – das Zeitsignal wird per Kabel vom Institut für Präzisionszeit an den „1-0-0"-Dienst übertragen. Zweitens geht es um Zugänglichkeit: Der Dienst ist kostenlos und benötigt keine Internetverbindung, was besonders für ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen wichtig ist (zum Beispiel für Sehbehinderte, die nicht auf einen Smartphone-Bildschirm schauen können). Drittens ist es eine Frage der Tradition – ein Teil des kulturellen Gefüges. Für viele Russen ist der Anruf bei „1-0-0" ein vertrautes Ritual, eine Möglichkeit, „ihre Uhren zu prüfen" im wörtlichen wie im übertragenen Sinne!

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