Wie man in Moskau vor der Revolution von 1917 zechte
Nicht nur die Moskauer Genusssüchtigen feierten, sondern auch Kaufleute und die Bohème. Sie genossen ausgiebige, gemütliche Frühstücke in den Restaurants „Ermitage“ und „Slawischer Basar“ („Slawjanski Basar“) (und begaben sich nach Theaterbesuchen oder Ausflügen aufs Land zum Abendessen ins „Jar“, das bis in die frühen Morgenstunden geöffnet hatte. Dieses Lokal am Stadtrand von Moskau war das erste, das in den 1860er Jahren Zigeunerchöre engagierte; da ihnen Auftritte in der Stadt untersagt waren, strömte das Publikum dorthin, um ihren gefühlvollen und mitreißenden Liedern zu lauschen. Diese „kleine Welt der schönen Ausschweifung“ – mit „elektrischem Licht, einem Orchester und ungezwungenen Frauen mit kühnen Blicken und freimütigen Gesprächen“ – zog all jene an, die auch nur ein wenig Geld übrig hatten, vor allem aber jene, die es mit Vorliebe und Sachverstand mit vollen Händen ausgaben.
Champagner trank man hier weder glas- noch flaschenweise, sondern nach „Arschin“ bemessen. Der Schaumwein wurde auf einem Tablett von der Größe eines Quadrat-Arschins (0,5 bis 0,7 Quadratmeter) serviert: Man brachte so viele Gläser an den Tisch, wie darauf Platz fanden. Moskauer Bonvivants kreierten ihre eigenen Bowlen und verfeinerten sie mit dekorativen Elementen; sobald der Cocktail ausgetrunken war, wurden die mit Kostbarkeiten gefüllten Gläser an die Sängerinnen des Lokals weitergereicht.
Zur Unterhaltung verwandelten Besucher einen Flügel in ein Aquarium: Sie füllten ihn mit Champagner und ließen Sardinen aus der Dose darin „schwimmen“. Andere Gäste wiederum verspürten nach reichlichem Genuss von Schaumwein und Cognac das Bedürfnis, sich auszusprechen. Stand kein geeigneter Gesprächspartner zur Verfügung – was natürlich selten vorkam –, konnten sie ihre Gedanken stets dem Spiegel im Arbeitszimmer anvertrauen. Die darauf hingekritzelten Bekenntnisse hielten die Offenbarungen zahlreicher Besucher fest: „Ich war hier und habe fünfhundert Rubel verprasst“ – „… ist es nicht beschämend, ein Herz zu nehmen und es nicht zurückzugeben?“ – „Hier war ich betrunken.“
Damen zum Abendessen
Natürlich wären solche Feiern ohne Damen nicht komplett gewesen. Der Höhepunkt des Abends in einem Moskauer Restaurant war eine besondere „Speise“, die von mehreren Kellnern hereingetragen wurde. In der Mitte des Tabletts, umgeben von verschiedenen Vorspeisen, Blumen und Früchten, lag eine nackte Frau. Das „Gericht“ wurde auf dem Tisch abgestellt, und die Feiernden verlangten nach Champagner: Sie überschütteten die Schöne mit Geld und Wein und naschten von dem, was um sie herum angerichtet war.
Für exotische Tänze besuchte man das Aumont-Theater in der Kamergerski-Gasse: Dort führten einheimische Tänzerinnen Bauchtänze auf – eigentlich offiziell verboten, doch gegen einen Aufpreis war die Darbietung in einem privaten Raum möglich.
Kartenspielbegeisterte trafen sich in Klubs und Zirkeln: Dort wurden über Nacht Vermögen verspielt und enorme Summen verloren. Das Geld floss in Strömen. Manchmal konnte ein zufälliger Gast, den ein Klubmitglied mitgebracht hatte, seine Spielschulden nicht begleichen oder machte sich einfach davon – dann musste derjenige, der ihn eingeladen hatte, für die Schulden aufkommen.
Im „Englischen Klub“ wurde die ganze Nacht gespielt: Die Gäste mussten keine Razzia der Polizei fürchten, denn der Generalgouverneur war Ehrenpräsident des Klubs und der Polizeichef selbst gehörte zu den regelmäßigen Gästen. Lew Tolstoi verlor dort einmal 1000 Rubel an einen Offizier und wäre wegen der nicht beglichenen Schulden beinahe auf eine schwarze Liste gesetzt worden. Glücklicherweise kam ihm ein ihm bekannter Redakteur zu Hilfe. Und im „infernalischen“ Saal des Klubs wurden noch vor der Aufhebung der Leibeigenschaft sogar ganze Dörfer und Gutshöfe verspielt – Bauern konnten über Nacht den Besitzer wechseln.
Gebäude des Restaurants „Jar“
Schwimmen mit einem Sterlet
Die Moskauer Restaurants waren auf praktisch jede Wendung vorbereitet und hatten sogar für die ungewöhnlichsten Situationen entsprechende Preise festgelegt. Im „Jar“ etwa war es völlig legal, eine Flasche an einem Spiegel zu zerschlagen – für 100 Rubel (rund 1400 Dollar). Wer Ärger machen und dafür ungeschoren davonkommen wollte, musste 120 Rubel (rund 1700 Dollar) dabeihaben – für diese Summe durfte man einem Kellner sogar Senf ins Gesicht schmieren.
Nikolskaja-Straße. Hotel und Restaurant „Slawischer Basar“
In Restaurants konnte man innerhalb einer einzigen Nacht ein Vermögen verprassen. Einmal verbrachte eine Gruppe vier Stunden damit, Wein aus den Fenstern des zweiten Stock zu schütten – die Kellner kamen kaum damit hinterher, ihnen die teuersten Flaschen zu bringen. Als es schließlich ans Bezahlen ging, ließ sich der Gastgeber der Feier nichts anmerken: Zum reinen Vergnügen legte er 100.000 Rubel auf den Tisch – das entspricht heute etwa 150 Millionen Rubel bzw. 1,7 Millionen Dollar.
In einem seiner Essays aus dem Jahr 1885 beschrieb Anton Tschechow die Feierlichkeiten zum Tatjanatag und merkte an, dass man bei dieser Gelegenheit „alles austrank, außer der Moskwa“. Auch die Studenten des „Jar“ erinnerten sich: „Es war so ausgelassen, dass ein Student, überwältigt von seinen Gefühlen, in einem Wasserbecken badete, in dem Natruskins Sterlete schwammen.“
Restaurant „Jar“
Manchmal ging die Fantasie der Feiernden jedoch noch weiter. So bestellte eine Gruppe einmal eine Bowle – ein Getränk aus Wein, Likör, Champagner, Cognac und Früchten – für 1000 Rubel. Das Lokal war allerdings nur bereit, eine Bowle für 300 Rubel zuzubereiten. Daraufhin gaben die Zecher … Goldmünzen hinein – und zwar im exakten Wert der „fehlenden“ 700 Rubel.
Der Zug Moskau – Afrika
Manche Feiern endeten mit amüsanten und bizarren Vorfällen. Eine Gruppe, die die ganze Nacht hindurch ihren Namenstag so ausgelassen gefeiert hatte, klapperte zunächst mehrere Restaurants ab, bevor sie beschloss, auf die Jagd zu gehen – und zwar in Afrika. Zu diesem Entschluss waren sie durch die Erzählungen eines der Gäste inspiriert worden. Am nächsten Morgen fanden sich die glücklosen Möchtegern-Jäger in einem Zug irgendwo in der Provinz Orjol wieder. Erst eine sorgfältig verfasste Notiz mit einem detaillierten Plan und der Reiseroute von Moskau nach Afrika, die in der Manteltasche eines der Männer entdeckt wurde, half ihnen dabei, den Hergang der Ereignisse zu rekonstruieren.
Restaurant „Slawischer Basar“