Warum fand der Schönheitswettbewerb „Miss Russland“ viele Jahre lang in Paris statt?
All das war auf die Bolschewistische Revolution und den Bürgerkrieg in Russland zurückzuführen, die Hunderttausende russische Bürger zur Flucht nach Europa zwangen. Im Jahr 1926 kam die russische Emigrantengemeinde in Paris auf die Idee, einen Schönheitswettbewerb zu veranstalten.
Zunächst trug er den Namen „Königin der russischen Kolonie in Paris“, und die Teilnahme war auf die Einwohnerinnen der französischen Hauptstadt beschränkt. Drei Jahre später wurde der Wettbewerb auf ganz Europa ausgeweitet und der Name in „Miss Russland“ geändert. Das war notwendig, damit die Gewinnerin an den Wettbewerben „Miss Europa“ und „Miss Universe“ teilnehmen konnte.
Titelblatt der Zeitschrift „Illustriertes Russland“
Die Kandidatinnen wurden unter unverheirateten Russinnen im Alter von 16 bis 25 Jahren ausgewählt, denen es erlaubt war, in Begleitung älterer Familienmitglieder nach Paris zu reisen. Ein Flüchtlingspass war eine entscheidende Voraussetzung. Als entdeckt wurde, dass Walentina Osterman, die Gewinnerin von 1928, die deutsche Staatsbürgerschaft besaß, wurde ihr die Krone aberkannt.
Walentina Osterman
Der Wettbewerb fand „in einer Atmosphäre tadelloser Moral“ statt. Badeanzüge oder Bikinis waren nicht erlaubt! Die Teilnehmerinnen liefen in „gewöhnlicher Stadtkleidung“ über den Laufsteg, wobei sie auch einen Mantel und einen Hut tragen durften.
Nina Pol
Die Jury war wahrhaft hochkarätig besetzt. Die Schönheit der Teilnehmerinnen wurde zu verschiedenen Zeiten von den Schriftstellern Alexander Kuprin und Iwan Bunin, der Dichterin Nadeschda Teffi, der Ballerina Olga Preobraschenskaja und dem Künstler Alexander Benois bewertet.
Tatjana Maslowa
Unter den Gewinnerinnen des Wettbewerbs waren Nina Sewerskaja, die Schwester des berühmten russisch-amerikanischen Flugzeugkonstrukteurs Alexander Prokofjew-Sewerski; Tatjana Maslowa, Gewinnerin des Titels „Miss Europa“ von 1933; und Marina, die Tochter der berühmten Opernsänger Fjodor Schaljapin. Letztere erinnerte sich, dass ihre Mutter sie zur Teilnahme gezwungen hatte:
„Ich wollte nichts damit zu tun haben! Damals galt es als Schande, vor aller Augen zur Schönheit erklärt zu werden! <…> Ich trug absichtlich kein Make-up und keine besondere Kleidung. Ich erschien totenblass, mit einer glatten ‚Ballett‘-Frisur und wickelte mir sogar den Kopf in einen Orenburger Schal, weil ich vor Kummer sogar noch eine Erkältung bekommen hatte. Die anderen Mädchen waren hübsch und gut gekleidet. Und sie wählten mich, so eine Vogelscheuche…!“
Marina Schaljapina
Im Jahr 1939, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, wurde der Wettbewerb abgesagt. Erst 54 Jahre später wurde er wiederbelebt, diesmal in Russland selbst.