Tag des Wissens - von der Sowjetzeit bis heute (FOTOS)
Das Ende des Sommers bedeutet für alle russischen Kinder automatisch das Ende der Ferien und des sorglosen Lebens.
In der Vergangenheit war der 1. September nicht der obligatorische Termin für den Schulbeginn, aber nach der Revolution 1917 setzte sich im ganzen Land dieses Datum durch. Und seit 1984 gilt der 1. September offiziell als Tag des Wissens. Im ganzen Land (und in den meisten Teilen der ehemaligen Sowjetunion) beginnt deshalb an diesem Tag der Unterricht – sowohl in der Grund-, als auch in der Mittel- und Oberschule.
Die Kinder kehrten zum Schulbeginn oft von der Datscha ihrer Großeltern oder aus dem Pionierlager zurück, wo sie einen Großteil der dreimonatigen Sommerferien verbracht hatten. Einige von ihnen freuten sich, ihre Freunde wiederzusehen, während andere ihre sommerliche Freiheit nicht gegen den Schulalltag eintauschen wollten.
Die Vorbereitung auf die Schule war recht aufwendig: Man musste Hefte und Stifte kaufen, die Lehrbücher in der Schulbibliothek abholen, den Ranzen packen und die Schuluniform bügeln. Für besondere Anlässe wie den 1. September gab es eine besondere Uniform. Dazu gehörten eine weiße Schürze und Schleifen für die Mädchen und ein weißes Hemd für die Jungen.
Am frühen Morgen des 1. September gingen die Kinder in die Schule, in der Regel in Begleitung ihrer Eltern oder Verwandten, vor allem, wenn es ihr erstes Schuljahr war: in Schuluniform, mit ordentlich gepacktem Ranzen und einem Strauß Blumen für die Klassenlehrerin!
Etwa eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn stellten sich alle Schüler vor der Schule bei ihrem Klassenleiter auf, der ein Schild mit der Bezeichnung der Klasse trug. Normalerweise gab es in jedem Jahrgang drei Parallelklassen, die mit kyrillischen Buchstaben unterschieden wurden: А, Б und В (das entspricht A, B, C im Deutschen).
Seit der späten Sowjetzeit machte jeder am 1. September ein besonderes Foto, entweder mit den Eltern, mit einem Klassenlehrer oder mit der gesamten Klasse. Manchmal lernten dieselben Schüler von der 1. bis zur 10. Klasse gemeinsam in einer bestimmten Klasse.
Das neue Schuljahr war für ein Kind ein ganz neuer Lebensabschnitt, daher war der erste Schultag ein ganz besonderer Moment.
Wenn die Hektik des Treffens mit Freunden vorbei war, stellten sich die Kinder in einer Reihe auf und hörten dem Direktor der Schule zu, der normalerweise eine feierliche Rede hielt und sie ermahnte, sorgfältig zu lernen und über ihre Zukunft nachzudenken.
Dann war es an der Zeit, dass alle das Schulgebäude betraten und sich in ihre Klassenzimmer begaben. In der Regel hatte ein Lehrer im Voraus spezielle Schilder auf den Schulbänken vorbereitet, so dass die Schüler ihren Platz leicht finden konnten. Danach überreichten die Kinder ihrem Lehrer den Blumenstrauß.
Am ersten Schultag ging es in der Regel darum, das über die Sommerferien vergessene Wissen wieder aufzufrischen und sich gegenseitig kennenzulernen – wenn man in der ersten Klasse war – oder neue Mitschüler willkommen zu heißen, wenn in höheren Klassen neue Schüler hinzugekommen waren.
Der Zusammenbruch der UdSSR hat an den Traditionen nicht viel geändert. Trotzdem gaben viele Schulen die Uniformen auf und erlaubten den Schülern, Freizeitkleidung zu tragen.
Die Tradition des Tragens von Schleifen blieb jedoch ein Symbol für die Schulzugehörigkeit, besonders zum Schulbeginn am 1. September, aber auch für die Abschlussklasse beim „Letzten Klingeln“, dem letzten Schultag, am 25. Mai.
Eine weitere berührende Tradition, die bis heute erhalten geblieben ist, besteht darin, dass Schüler der Abschlussklasse Erstklässler in die Schule tragen, als symbolische Geste der Weitergabe eines Wissensstabs an die nächste Generation.
Militärschulen sind keine Ausnahme von allen Traditionen.
Im modernen Russland hat der 1. September als Feiertag fast schon Kultcharakter. Etwa zwei Wochen vor dem Schulbeginn tauschen die großen Einkaufszentren und Supermärkte das Sommersortiment in ihren Regalen, die bis dahin voll mit Mückensprays und Sonnenschutzmitteln waren, gegen alles aus, was mit Schule zu tun hat: Rucksäcke, Stifte, Hefte und viele andere Dinge, auf die die Schüler in der ehemaligen Sowjetunion neidisch gewesen wären!
Leider wird das Datum des 1. September immer auch mit einem tragischen Ereignis der jüngeren russischen Geschichte verbunden sein. An diesem Tag im Jahr 2004 nahm eine Gruppe von Terroristen während der feierlichen Schulaufstellung eine Schule in Beslan in der Republik Nordossetien ein. Infolgedessen wurden 314 Menschen getötet, die meisten von ihnen Kinder. Der 3. September, an dem die verbliebenen Geiseln schließlich freigelassen wurden, ist heute als „Gedenktag“ bekannt. Jedes Jahr findet an den Ruinen der Schule eine Gedenkveranstaltung zum Andenken an die Opfer statt.